06 Feb Halina Birenbaum
zu Gast im Museum

„Wer wird das mal erzählen, wenn keiner bleibt und die Bäume schweigen“?

Am 23. Januar war die Holocaust-Überlebende Halina Birenbaum auf Einladung des Gymnasiums St. Ursula gemeinsam mit ihrer Enkelin Yael Birenbaum zu Gast im Jüdischen Museum Westfalen. Die Zeitzeugin berichtete Schülerinnen und Schülern des Gymnasiums St. Ursula.

Halina Birenbaum wurde 1929 in Warschau geboren. Nach dem deutschen Überfall auf Polen musste sie mit ihrer Familie in das Warschauer Ghetto übersiedeln und wurde im Juli 1943 erst in das Konzentrationslager Majdanek, später nach Auschwitz-Birkenau, Ravensbrück und Neustadt-Glewe verschleppt, wo sie am 2. Mai 1945 durch die Rote Armee befreit wurde. Ihre Mutter wurde in Majdanek ermordet, ihr Vater im Vernichtungslager Treblinka.

Halina Birenbaums Stimme ist gefasst und kräftig. Den ihr angebotenen Stuhl lehnt sie lächelnd ab und beginnt ihre Erzählung vom „Ende der Welt“.

Ihre Mutter schildert Halina Birenbaum als eine stille, bedachte und mutige Frau, die die ersten Gerüchte über Vergasungswagen, Massenerschießungen und das Warschauer Ghetto „einfach nicht glauben wollte.“ Ihre Mutter, die ihre eigene Angst und Verzweiflung vor ihr verbarg und die sie nach einer Selektion im Konzentrationslager Majdanek nicht wiedersehen sollte.

Schonungslos berichtet Halina Birenbaum auch von der Brutalität der Täter, die „das Schlimmste und das Beste“ aus den Menschen herausgeholt habe. Die ersten deutschen Wörter, die sie zusammen mit ihren Brüdern im Warschauer Ghetto lernte, waren „Zug“, „Umschlagplatz“, „Lager“ und „judenrein“. Diese Wörter und die deutsche Sprache lernte sie gemeinsam mit ihren Brüdern, was später in Auschwitz überlebenswichtig werden konnte, wenn man die Befehle und Unterhaltungen der SS-Aufseher verstand. „Menschen waren das nicht“, resümiert sie ihre Erinnerungen an die Deportation in Viehwaggons aus dem Warschauer Ghetto, eine „Hölle“, in der sie fast erstickt sei, als die SS sie und die anderen Häftlinge in ihrem Überlebenskampf sich selbst überlas.

Während ihrer eindrücklichen Schilderung der Ereignisse erinnert sich Halina Birenbaum auch immer wieder an die Dinge, die Ihr Kraft und Hoffnung gegeben haben. Während um sie herum Zerstörung, Verzweiflung, und Hunger den Alltag im Warschauer Ghetto bestimmten, fand sie Trost in Büchern und Theateraufführungen und lauschte als junges Mädchen den Gesprächen ihrer älteren Brüder über Politik. Ihre Erinnerung an das Piano, dessen Melodie aus einer Wohnung erklang, während sie mit Ihrer Mutter aus dem Warschauer Ghetto in den Transport in das Konzentrationslager Majdanek verschleppt wurde, lässt die Zuhörer erahnen, wie sehr sich Halina Birenbaum in diesen Momenten der Entmenschlichung und Hoffnungslosigkeit nach Frieden und Schönheit sehnte. Hier überlebte Halina Birenbaum nur durch einen Zufall. Eine Nacht musste sie in einer Gaskammer ausharren, weil kein Gas da war, wie sie später erfuhr.

„In Auschwitz hatten wir keine Würde mehr“, fährt sie fort. Angesichts der Verwahrlosung, den katastrophalen hygienischen Zuständen und dem furchtbaren Hunger fand sie Zuflucht in der Welt der Romane und Gedichte: „Ich werde nicht wissen, was ein Kuss ist, wie ich es in den Romanen gelesen habe“, so einer ihrer Gedanken. Ihren Überlebenswillen verlor Halina Birenbaum auch nicht, als sie während einer Selektion von ihrer Schwägerin Hela getrennt wurde, die von einem SS-Aufseher in die Warteschlange für die Gaskammern eingeteilt wurde. „Ich kann nicht ohne sie leben!“ schrie und bettelte sie, er entgegnete: „Dann gehst du mit!“ Mutig widersetzte sie sich, bis der stellvertretende Lagerkommandant entschied: „Schweig, dann bleibt deine Schwägerin bei dir.“ Wenig später starb Hela auf der Krankenstation. An ihre Besuche auf der Krankenstation erinnert sich Halina Birenbaum trotz ihres Schmerzes auch mit glänzenden Augen: „Es gab zum Glück auch Liebe dort“, meint sie mit einem Lächeln, als sie von dem polnischen Krankenpfleger Abraham berichtet, ihrer ersten großen Liebe, wie sie sagt, der den Holocaust jedoch nicht überlebte, wie sie nach dem Krieg auf ihrer Suche in Polen nach ihm erfahren musste.

„Glauben Sie an Gott?“, frage eine Schülerin im Anschluss an Halina Birenbaums bewegende Schilderung. „Nein“, antwortet diese unumwunden. Kraft habe ihr in dieser Zeit die Literatur gegeben, ihre Angst vor dem Tod und vor allem ihr Glaube an die Menschen.

Halina Birenbaum emigrierte 1947 nach Israel. Die Schriftstellerin ist verheiratet und hat zwei Söhne.