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Materialien zum Jüdischen Museum Westfalen |
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Jüdisches Leben in Europa
Eine Tagung zum historischen Lernen mit Internet und Medien
im Jüdischen Museum Westfalen (Dorsten)
am 14. September 2005
Die Fertigstellung eines neuen Internetportals über jüdisches
Leben in drei europäischen Regionen war der Anlass, zu dieser
Tagung einzuladen, um die Chancen historischen Lernens mit den inzwischen
nicht mehr so gänzlich neuen „neuen Medien“ auszuloten.
40 MultiplikatorInnen aus Museen, Schulen, Gedenkstätten und
Erwachsenenbildung beteiligten sich an dieser Erkundung. Der Tagungsort
– das Jüdische Museum Westfalen – versteht sich
auch als lebendige Bildungs- und Kultureinrichtung; das Westfälische
Landesmedienzentrum als Mitveranstalter unterstützt die außerschulische
und schulische Bildungsarbeit seit langem mit Fortbildungsprogrammen
und der Produktion und Bereitstellung von Filmen, DVDs etc.(1)
Zu den Ambitionen der Veranstaltung (und des Internetprojekts)
gehörte es, einen Beitrag zu leisten zu vielfältigeren
Bildern des europäischen Judentums und zu komplexeren Lernprozessen
– einer „Enttypisierung“ insofern also, als schulisches
Lernen und gesellschaftliche Diskurse weithin vom Stereotyp der
Juden als Opfer kontinuierlicher Verfolgung gekennzeichnet sind.
Dem stellen die Autorinnen und Autoren der Website eine Sicht- und
Darstellungsweise entgegen, die an individuellen und z.T. subjektiven
„Geschichten“ ansetzt: an Biografien, „unerhörten
Begebenheiten“, den Geschichten von Gebäuden, Straßen
und Institutionen. Juden werden durch diese Sichtweise als Handelnde
präsentiert, die Geschichte und Kultur Europas in hohem Maße
mitgeprägt haben. Die Vielfalt dessen, was jüdische Geschichte,
jüdisches Leben und Kultur in Europa früher bedeutete
und heute ausmacht, wird so vermittelt, ein erster Blick auf die
unterschiedlichen Narrative wird möglich. Die multimediale
Website ist in allen Bereichen dreisprachig, Schüler, Lehrer
und allgemein historisch Interessierte in Deutschland, Polen und
den Niederlanden können sich in ihrer jeweiligen Muttersprache
informieren. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der Darstellung jüdischen
Lebens jenseits der Metropolen, in den drei europäischen Regionen
Westfalen, Groningen und Lublin.(2)
Das Internetportal „Jüdisches Leben in Europa jenseits
der Metropolen“ wurde unter der Leitung des Westfälischen
Landesmedienzentrums in Münster in Zusammenarbeit von drei
Bildungs- und Erinnerungsorten realisiert: Das Jüdische Museum
Westfalen (JMW) in Dorsten, das Zentrum „Brama Grodzka –
Teatr NN“ im polnischen Lublin und die Stiftung „Folkingestraat
Synagoge“ in Groningen in Kooperation mit dem Regionalhistorischen
Centrum der Groninger Archive erarbeiteten ein Jahr lang die Inhalte
der Website. Gefördert wurde das Projekt von der Europäischen
Union im Rahmen des Programms „Kultur 2000“.
Das Eingangsreferat von Prof. Susanne Popp (Universität Siegen)
zeigte noch einmal die Ausgangslage auf: Von welchen Bildern und
welchen Schulbuchmaterialien werden Lehr- und Lernbemühungen
über jüdische Geschichte dominiert? Nur wenige Stichworte
zu ihrem ernüchternden Befund: Die Bücher haben durchschnittlich
7 Seiten für die Themen Nationalsozialismus und Shoa übrig,
begriffliche Genauigkeit hinsichtlich komplizierter deutsch-jüdischer
Identitäten fehlt in der Regel, ein jüdisches Leben nach
1945 findet nicht statt... Zwar finden sich Ausläufer eines
„iconic turn“ auch in den Schulbüchern, doch –
so die Expertin – eher als schlichte Vermehrung der Bildquellen
angesichts grassierender Leseverweigerung, nicht aber als Anleitung
für einen quellenkritischen Umgang mit den gängigen Fotografien.
Sie akzentuierte ihr Urteil am Beispiel der in Nordrhein-Westfalen
zugelassenen Hauptschul-Geschichtsbücher, unterstrich aber,
dass auch die Lehrwerke anderer Schulformen immer noch vergleichbare
Mängel aufweisen. „Immer noch“ insofern, als viele
Jahre nach den Empfehlungen der deutsch-israelischen Schulbuchkommission
und den späteren vergleichbaren Empfehlungen des Leo-Baeck-Instituts
(3) eigentlich alle Defizitbeschreibungen und
Vorschläge zu ihrer Abhilfe ausreichend bekannt sein könnten.
Die Verantwortung für solche offenkundigen Mängel werde
in der Regel zwischen den Akteuren – Autoren, Redaktionen,
Verlag und Ministerien – hin und hergeschoben, was Popp zu
dem Vorschlag motivierte, öffentliche Foren für eine Schulbuchkritik
zu schaffen, die nicht wirkungslos verpufft.
Neben der Präsentation der Website und ihrer Strukturen durch
einige ihrer MacherInnen trat ein Testbericht derer, die als „Endabnehmer“
gedacht waren. Dorstener Schülerinnen, die im vergangenen Schuljahr
selbst eine Internetseite über „Jüdische Lebenswege
in Westfalen“ (4) erarbeitet hatten, berichteten
über ihre Eindrücke hinsichtlich der Verständlichkeit
und Motivationskraft des EU-Projekt-Portals. Sie bescheinigten dem
Projekt in beiden Dimensionen eine hohe Qualität, betonten
aber nicht ohne Selbstbewusstsein auch die Stärken ihrer eigenen
Präsentation, die z.B. auch die Reflexion und Darstellung ihrer
Annäherungsprozesse an das Thema „Jüdisches Leben“
enthält.
Zu Beginn des zweiten Teils der Veranstaltung gab Robert Gücker,
Referent für Medienbildung im Westfälischen Landesmedienzentrum,
eine kurze Einführung in das Begriffsfeld zum „Geschichtslernen
im Internet“ und erinnerte an einige unbeantworte grundsätzliche
Fragen: Wie kann Lernen mit Medien genau erfasst und beschrieben
werden? Sind Medien eine Unterstützung autonomer LernerInnen
(oder ein Vorwand, diese allein zu lassen)? Wie kann eine aktive
Medienarbeit an Vorwissen und subjektive Orientierungen anschließen?
Svenja Büsching, Doktorandin an der Universität Münster
und selber Lehrerin, ging in ihrer Präsentation der Frage nach,
ob Internetportale im Geschichtsunterricht „neue PC-orientierte
Lernwege oder [eine] multimediale Sackgasse“ darstellen. Sie
stellte ebenso unterschiedliche Internetportale zum Geschichtslernen
selbst vor wie die Möglichkeiten, diese im Unterricht einzusetzen:
Surfboards, Lagepläne und didaktische Szenarien nannte sie
hier in ihrem konstruktiven Vortrag. Die im Vortragstitel gestellte
Frage beantwortete sie zwiespältig: Zwar eröffne das Internet
vielfältige Möglichkeiten für einen innovativen Geschichtsunterricht,
doch erfordere der Einsatz der Webportale ein ausgeprägtes
technisches Know-How, genaueste Auswahl und eine intensive Vorbereitung
des Unterrichts.
Zwei weitere Workshops widmeten sich ebenso den Praxisproblemen
des historischen Lernens mit Medien – einer mit dem Schwerpunkt
auf den didaktischen Möglichkeiten des neuen Portals „Jüdisches
Leben in Europa“, ein anderer ging allgemeiner der Frage nach
dem Einsatz „neuer Medien“ in der Bildungsarbeit nach.
Mitarbeiter des Jüdischen Museums und der Geschichtslehrer
Kurt Langer (Marl) präsentierten und diskutierten die mit dem
Portal sich ergebenden neuen Chancen des Lernorts Jüdisches
Museum Westfalen: Die Dauerausstellung des Museums „Jüdische
Lebenswege in Westfalen“ (5) weist nämlich
viele Berührungspunkte mit dem neuen Portal auf. Arbeitsteilige
individuelle Vorbereitungen eröffnen z.B. vertiefte Chancen
des „peer guiding“, also der Erschließung und
wechselseitigen Präsentation von Ausstellungsteilen durch Mitglieder
der besuchenden Schülergruppen (6). In der
Nachbereitung von Museumsbesuchen können die im Museum ausschnittsweise
dargestellten Biografien in größerer Komplexität
erschlossen werden. Thomas Ridder (JMW) unterstrich allerdings die
These, dass den medialen Angeboten im Museum nur eine unterstützende
Funktion zukomme, das Museum selbst aber weiterhin wesentlich mit
der Überzeugungskraft seiner Originale arbeite. Wiewohl die
schulischen Zwänge zunehmen und so die Aussicht auf anspruchsvolle
und zeitintensive Lernarrangements mindern, wurden am Beispiel des
„Perspektivischen Schreibens“ (7)
auch weitere Szenarien für „Lerntage“ u.ä.
erörtert, in denen das Portal und seine qualifizierten Links
zur Quellensammlung für forschend-erkundendes Lernen werden
können. Das Resümee der Gruppe: Die neue Website kann
organisierte Einführungen in ihr Thema nicht ersetzen, sondern
bietet motivierende Dokumente und Erzählungen zur Anreicherung
von Lernprozessen.
Ob und wie sich griffige Anschaulichkeit sowie geschichtswissenschaftliche
Fundierung von Inhalten im Multimedia-Bereich in Einklang bringen
lassen, stellten Julia Volmer-Naumann und Stefan Querl aus dem Team
des Geschichts-Lernorts Villa ten Hompel (Münster) an Hand
von drei aktuellen Pilotprojekten aus Nordrhein-Westfalen zur Diskussion.
Die mediale Aufbereitung von Ausstellungen und deren Chancen an
einem außerschulischen Lernort wurden hier verdeutlicht. Auf
reges Interesse stieß dabei eine technisch besonders animierte
und historisch ambitionierte Anwendung aus der neuen Ausstellung
„Wiedergutmachung als Auftrag“ am Geschichtsort der
Stadt Münster, die Raub oder Enteignung jüdischen Besitzes
unter dem NS-Regime, aber eben auch die (oft leider völlig
unzureichenden) Rückerstattungsbemühungen in der Nachkriegszeit
nachvollziehbar machen soll. Das ebenfalls vorgestellte (in Kürze
ans Netz gehende) Projekt „www.lebensgeschichten.net“
der nordrhein-westfälischen Gedenkstätten wurde als besonders
gelungenes Feature angesehen, in dem sich die Bereitstellung biografischer
Quellen mit Anregungen zur Quellenkritik verbindet. Das Fazit dieser
Arbeitsgruppe fiel ähnlich aus wie das des parallel tagenden
ersten Workshops. Ergänzt durch inhaltliche Vorbereitungen
und Einführungen kann es erreicht werden, „per Mouseclick
zu mehr Quellenkritik?!“ – so der Vortragstitel –
zu gelangen.
Die generellen Schlussfolgerungen der Veranstaltung können
nur ambivalent sein: Der erschreckende Rückstand schulischer
Medien (und vermutlich auch von Teilen des Unterrichts) gegenüber
dem fachlichen Diskussionsstand zur Vermittlung jüdischer Geschichte
könnte entmutigen; andererseits ist ebenso deutlich geworden,
welche ermutigenden Ausnahmen (z.B. das von den Dorstener Schülerinnen
selbst erarbeitete Portal) es landauf, landab gibt und wie die heutige
Generation der Medien „subversive“ Möglichkeiten
eröffnet, neben dem Leitmedium des Schulbuchs und den Rastern
der ministeriellen Lehrpläne neue Fragestellungen und Arbeitsweisen
zu forcieren - und das vergleichsweise kostengünstig. Zu achten
wäre also zukünftig – so unser subjektiver Schluss
- nicht lediglich auf diese wichtigen Medien und Rahmenvorgaben,
sondern mindestens ebenso auf die Erhaltung von Freiräumen
für ein probierendes Lernen jenseits curricularer Laufställchen
und für eine kreative Professionalität und Weiterentwicklung
der Lehrenden.
Dr. Andrea Löw
(Landesmedienzentrum des LWL/Arbeitsstelle Holocaustliteratur an
der Justus-Liebig-Universität Gießen)
Dr. Norbert Reichling
(Jüdisches Museum Westfalen/Bildungswerk der Humanistischen
Union)
 
(1) Weitere Mitveranstalter waren das Bildungswerk
der Humanistischen Union (Essen), der Geschichtsort Villa ten Hompel
(Münster) sowie die Medienberatung NRW.
(2) Die neue Website ist zu finden unter
den Adressen www.juedisches-leben.net/
- www.joods-leven.net/
- www.zydzi-zycie.net/
.
(3) Die „Orientierungshilfe für
Lehrplan- und Schulbucharbeit sowie Lehrerbildung und Lehrerfortbildung“
der LBI-Kommission für die Verbreitung deutsch-jüdischer
Geschichte in der Bundesrepublik Deutschland ist nachzulesen und
herunterzuladen auf der Website des Jüdischen Museums Frankfurt:
www.juedischesmuseum.de/materialien/orientierungshilfe.html
.
(4) www.petrinum-dorsten.de/lebenswege
(5) Vgl. Marc von Miquel: Jüdische
Lebenswege in Westfalen. Das Jüdische Museum Westfalen und
seine neue Dauerausstellung zur westfälisch-jüdischen
Geschichte, in: Hartmut Steinecke/Iris Nölle-Hornkamp/Günter
Tiggesbäumker (Hgg.): Jüdische Literatur in Westfalen.
Spuren jüdischen Lebens in der westfälischen Literatur,
Bielefeld 2004 - zum Museum vgl. auch die Website www.jmw-dorsten.de
.
(6) Das Konzept ist in Deutschland unseres
Wissens erstmals unter dem Titel „fü(h)reinander“
von der Berliner Gedenkstätte „Haus der Wannseekonferenz“
erprobt und formuliert worden – vgl. Elke Gryglewski/Christoph
Kreutzmüller: fü(h)reinander. Ein didaktisches Konzept
zur arbeitsteiligen, wechselseitigen Führung durch die Ausstellung
im Haus der Wannsee-Konferenz zum Thema „Juden unter nationalsozialistischer
Herrschaft – Entrechtung, Vertreibung und Vernichtung“,
Berlin 2000.
(7) Näheres siehe unter www.hu-bildungswerk.de/onlinearchiv_perspektivischesschreiben0704.php
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