29 Dez 321 – 1932 – 2021
Über Macht und Ohnmacht des Arguments

von Dr. Norbert Reichling, 1. Vorsitzender des Trägervereins


321 – 1932 – 2021.
Über Macht und Ohnmacht des Arguments

Das bevorstehende Jahr 2021 wird uns eine Kampagne erleben lassen, die auf „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ aufmerksam macht: Ein Erlass des römischen Kaisers Konstantin an die Jüdische Gemeinde in Köln aus dem Jahr 321 ist der älteste dokumentarische Beleg für diese Präsenz. Ihm zufolge durften von da an Kölner Juden öffentliche Ämter bekleiden.

Ein bundesweiter Verein mit Sitz in Köln und viel Prominenz wird aus diesem Anlass gemeinsam mit Museen, Kulturvereinen, Bildungseinrichtungen usw. einen bunten Strauß an Konzerten, Vorträgen, Lesungen, Tagungen, neuen medialen Formaten usw. anbieten und zentral wie dezentral an die lange Geschichte und Gegenwart von Juden und Jüdinnen in Deutschland erinnern.

Skeptische Zwischenrufe haben zwar darauf aufmerksam gemacht, dass mit einem solchen „Festjahr“ ein falsches Bild entstehen könnte, als ob diese 1700 Jahre eine ungebrochene Traditionslinie aufweisen, als ob es 1700 Jahre friedlich-tolerantes Zusammenleben zu feiern gebe, als ob es keinen Kampf um Emanzipation und Bürger*innen-Rechte und keine brutalen Brüche wie Pogrome, langanhaltende Vertreibungen und die Shoa gegeben habe. Dennoch ist dies eine sinnvolle Initiative, besonders im Hinblick auf die dreister gewordene Judenfeindschaft und in der Hoffnung auf eine thematisch und in den Vermittlungswegen breite Resonanz. (Und darum wird sich auch das Jüdische Museum Westfalen voraussichtlich mit zwei bis drei Beiträgen daran beteiligen.)

Die zu Grunde liegende Hoffnung, mit solchen Kulturangeboten „Weltoffenheit, Toleranz und ein nachhaltig friedliches Zusammenleben von Menschen verschiedener Religionen zu unterstützen“ (so die Website „www.1700jahre.de“) , speist sich aus der Überzeugung, dass Wissen und Debatte dazu nützlich sein können. Von dieser Sicht war auch eine Broschüre getragen, die der „Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ – also die wichtigste jüdische Selbstschutzorganisation der Weimarer Republik – im Jahre 1932 veröffentlichte. „Wir deutschen Juden. 321-1932“. Sie reihte sich ein in eine Serie von Publikationen für ein deutsch-jüdisches Heimatrecht, über die kulturellen Leistungen des deutschen Judentums und vor allem gegen judenfeindliche Schlagworte wie z.B. die Loseblattsammlung „Anti-Anti“ – einige erschienen in Hunderttausender-Auflagen. Massenversammlungen, Plakataktionen, Flugblätter, Abzeichen flankierten diesen antinazistischen Kampf, der zum Teil auch mit subversiven Tarnschriften geführt wurde.

Diese Schrift, deren Verfasser nicht ausgewiesen sind, lässt die üblichen und in den verschiedenen Ländern auch sehr widersprüchlichen antijüdischen Vorurteile Revue passieren, um dann die (lange aufgezwungene) Berufsstruktur, das lange christlich-jüdische Miteinander sowie den (u.a. in Kriegen und Grenzkämpfen erwiesenen) Patriotismus der jüdischen Deutschen zu erörtern. „Mitschöpfer deutscher Kultur“ ist ein Kapitel überschrieben, das die Namen und Leistungen von Erfindern, Wissenschaftlern und Künstlern benennt. (Nein, Frauen kamen nicht dort vor, nur bei den anschließend erwähnten Sportler*innen.)

Großen Wert legt die Publikation auf die „Religion tätiger Nächstenliebe“, also die ethischen, sozialen, universell-menschlichen Gebote der jüdischen Tradition, die entgegen den oft in das Judentum hineinprojizierten „Geheimlehren“ offen zutage liegen – und verkennt auch nicht „die Spannung zwischen dem heiligen Ideal und der gelebten Wirklichkeit“, die jeder Gruppe eigen ist: Das Recht der Schwachen, der wöchentliche Ruhetag, Schutz für Fremde, die Bewährung der Gesetzestreue im alltäglichen Tun, Wahrhaftigkeit und eine nicht beschämende Wohlfahrt – all diese Prinzipien werden als zivilisatorische Anstöße von allgemeiner Bedeutung angeführt.

Die vermeintliche „deutsche Rasse“ der deutschen Siedlungsgebiete, die Phantasien einer weltumfassenden Machtverschwörung und die These vom „raffenden Kapital“ sind weitere Themen des Heftes. Der angeblich übergroße jüdische Einfluss auf Politik und Presse wird mit nüchternen Zahlen kommentiert, und die Schimäre eines „jüdischen Marxismus“ dem „jüdischen Konservatismus“ eines Friedrich Julius Stahl an die Seite gestellt.

„Wir haben versucht, durch Tatsachen zu überzeugen.“ – so schließt die schmale Broschüre und fügt den Zweifel gleich an: Kann Wissen das Unvernünftige überwinden? Die Verfasser hoffen (stattdessen oder ergänzend?) auf Einfühlung, auf die Überzeugungskraft ihrer „Vaterlandsliebe“, mit der jüdische Rechte in Deutschland verteidigt werden. Manche deutschen Jüdinnen und Juden hielten solche Hoffnungen bis zu den Pogromen von 1938 aufrecht, wenige noch länger. Im Nachhinein betrachtet, waren diese Argumente vergeblich: „Die Malaise der deutschen Gesellschaft zu kurieren, war die kleine jüdische Minderheit außerstande“, kommentierte 1968 der Historiker Arnold Paucker.

Darf man trotz der nachfolgenden Enttäuschungen und Verbrechen solchen Bildungs- und Kulturoptimismus und solche Erwartungen an Empathie noch haben? Antisemitische Einstellungen verdampfen nicht einfach, wenn man Informationen aufnimmt oder einmal nett mit einem Juden oder einer Jüdin gesprochen hat. Anspruchsvollere Bildungskonzepte berücksichtigen, dass Menschen sich selbstverantwortet in eine Beziehung zu einem Thema, einem „Problem“ setzen müssen, damit Lernen gelingen kann. Für solche Gelegenheiten, auch für die nicht selbstverständlich gegebenen zeitlichen, personellen und wissenschaftlichen Ressourcen, die das erfordert, lohnt es sich einzutreten – das zeigen erfolgreiche Präventionskonzepte wie etwa das in Westfalen durchgeführte Projekt „Antisemi…was? Reden wir darüber!“ Wenn uns das „Festjahr“ 2021 auch in diesen weniger repräsentativen Fragen weiterbringt, wird es sich gelohnt haben.

 

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Selber digital in der Broschüre blättern?
http://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/judaicaffm/content/titleinfo/4098710

Mehr zum Centralverein:
Simcha Epstein: Der Mythos der Passivität und der Kampf der deutschen Juden gegen Antisemitismus und Nationalsozialismus,
https://www.yadvashem.org/de/education/newsletter/3/jews-against-antisemitism.html

Zum publizistischen Abwehrkampf jüdischer Verbände um 1930:
Harald Lordick: Publizistischer Abwehrkampf – Centralverein, Philo Verlag, „Büro Wilhelmstraße“,
http://www.steinheim-institut.de/edocs/kalonymos/kalonymos_2015_1.pdf#page=11