05 März Das Tagebuch des Perez (Paul) Kleinberger
Das Tagebuch des Perez (Paul) Kleinberger
von Kathrin Pieren
2023 konnte das Jüdische Museum ein Tagebuch erwerben, in welchem Perez (Paul) Kleinberger aus Bottrop seine Erfahrungen während der Vorbereitung auf die Alijah, die Auswanderung nach Palästina, und die ersten Jahre in seiner neuen Heimat niedergeschrieben hat.

Paul Kleinberger wird am 15. Dezember 1915 als zweiter von drei Söhnen und einer Tochter des Ehepaares Syma und Naftali Kleinberger in Bottrop
geboren. Die Eltern stammen aus Galizien und folgen 1910 Verwandten ins Ruhrgebiet. Naftali arbeitet zunächst im Möbelgeschäft eines Onkels in Gelsenkirchen und macht sich später in Bottrop selbständig.
Die Familie ist religiös und führt einen koscheren Haushalt. Die Kinder haben zwei Hauslehrer für modernes Hebräisch und Religion. Die Familie bereitet ihre Kinder früh auf die Emigration vor. Sowohl der ältere Bruder Oskar wie später auch die jüngeren Geschwister werden in praktischen Berufen ausgebildet.
Paul, der sich im Tagebuch Perez nennt, geht am 23. August 1933 „auf Hachschara“ im südlitauischen Vilkaviškis, einer Kleinstadt mit einem jüdischen Bevölkerungsanteil von ungefähr 50%. In solchen Ausbildungszentren erlernten junge Juden*Jüdinnen einen handwerklichen Beruf in Vorbereitung auf die Emigration nach Eretz Israel. Perez erlernt das Schlosserhandwerk. Mit seiner Zeit im Kibbuz in Litauen beginnt sein Tagebuch. Darin beschreibt er seinen Alltag und hält Gedanken zu Religion und Gemeinschaft fest.
Neben der praktischen Ausbildung werden die jungen Männer in palästinensischer Landeskunde, Hebräisch, Buchhaltung und Litauisch unterrichtet. Das Tagebuch ist gespickt mit hebräischen Wörtern, die bewusst in die Alltagssprache aufgenommen wurde, um ein Gemeinschaftsgefühl zu erzeugen.
Die Arbeit befriedigt Perez nicht. „Furchtbar quälten wir uns mit den alten Feilen, die man uns absichtlich gegeben hatte“ schreibt er gleich zu Beginn. (1.10.1933) Auch später wird das nicht wirklich besser, bezeichnet er die Feilarbeit doch als „scheissig“ und „langweilig“ (12.1.1934), wenn auch andere Arbeiten offenbar spannender sind. Die Technologie-Stunde bezeichnet er einmal als „sauschlecht“ (30.12.1933). Das gemeinschaftliche Leben hingegen gefällt ihm. Beeindruckt ist er vom „hebräisch-jüdischen“ Milieu auf einer zionistischen Konferenz in Kaunas. An den regelmäßigen Lesungen und Diskussionen zu Themen wie Kibbuzkultur, dem Verhältnis zwischen Ost- und Westjuden, Ethik und Klassenkampf oder jüdische Wehrhaftigkeit nimmt er aktiv teil. Die Gespräche sind, im Gegensatz zum Arbeitsalltag, intellektuell sehr anspruchsvoll.
Ein wiederkehrendes Thema ist die Religion. Perez war wohl religiöser als die meisten. „Die Bevölkerung hier wollte alle unsere Chawerim zu den Feiertagen [Rosch Haschana und Jom Kippur] in privaten Familien unterbringen. Dies aber von der gesamten Chewrah abgelehnt, die beschloss die Feiertage im eigenen Kreise innig und religiös zu verbringen. Uns wurde es aber freigestellt, sich einladen zu lassen.“ (24.9.1933) Er nimmt die Einladung des Rabbiners an. Die Stimmung im Gebetshaus an Jom Kippur fasziniert ihn. „Eigenartig das Milieu. Wie ganz anders als bei uns zu Hause. Hier nichts Gekünsteltes. Alles atmet natürliches Volksleben“.
Nach einem Dreivierteljahr beschließt Perez, dass er in Litauen zu wenig lernt. In der Hoffnung, in den Niederlanden einen neuen Platz zu finden, fährt er zu seinen Verwandten nach Gelsenkirchen, doch: „Das Wiedersehen mit Eltern und Verwandten gestaltete sich etwas kühl. Wodurch das kam, weiss ich nicht genau. Aber ich glaube, das Jahr in V. hat mich gänzlich verändert. Mein enger Horizont erweiterte sich, aus dem engen Gesichtskreis der Familie war ich hinaus. Ich war an ein primitives auf gemeinschaftlicher Grundlage aufgebautes Leben gewöhnt. Ein anderes Leben und auch eins ohne Arbeit hatte für mich Sinn verloren“ und darunter bedeutungsvoll abgesetzt: „Hachscharah Vilkaviskis, vielleicht der bedeutendste [Teil] meines Lebens liegt hinter mir,“ schreibt er am 18. Mai 1934.
Wieder daheim realisiert er erst, wie schwierig es für seine Eltern ist, sich ihren Lebensunterhalt zu erarbeiten und wie viele Hoffnungen sie in die Kinder setzen. Er denkt auch darüber nach, wie viel Religion er braucht und wie gut (oder schlecht) sich seine Religiosität mit einer mehrheitlich säkular-sozialistischen Kibbuzgemeinschaft vertragen würde (Juli 34).
Aus den Niederlanden wird nichts. In Hamburg sucht er ebenfalls vergeblich nach Arbeit, auch weil er die Schabbatruhe einhält. In Köln wird er jedoch fündig. Perez wohnt im ehemaligen jüdischen Lehrlingsheim und arbeitet in einem regulären Betrieb. Während seines achtmonatigen Aufenthaltes schreibt er nichts ins Tagebuch. Ein Schlüsselerlebnis auf einer zionistischen Konferenz im Frühjahr notiert er aber. Unter dem Eindruck der biblischen Erzählung des verlorenen Sohnes und Diskussionen mit einem Freund schreibt er, er glaube zwar an eine Gottheit. Er versuche aber, „eine Synthese zu schaffen zwischen meiner Erkenntnis von den Dingen der Natur und meiner Zugehörigkeit zum Judentum. Ich wehre mich nun dagegen irgendwelche feste Formen zu übernehmen, deren Inhalt ich nicht voll und ganz bejahe.“ (26.5.1935)
Am 25. August 1935 tritt Perez seine Alijah an. Zwei Tage später fährt er, gemeinsam mit zahlreichen anderen „Olim“ (neuen Einwanderern) aus Triest mit dem Schiff Richtung Haifa. Am 10. September schreibt er: „Endlich glücklich in der Heimat“. Er bleibt in Haifa und sucht dort Arbeit. Das erweist sich aber als schwierig und drei Monate später sind die Illusionen bereits weg: „Wieder einmal mehr keine Arbeit. Man hungert sich durch, spart das Mittagessen. Isst nur einmal warm am Tage. […] Man macht sich Sorgen um seine Angehörigen. Wacht oft in der Nacht auf und wälzt sich schlaflos umher. Was wird mit Vater und Mutter sein, wird es mir und uns überhaupt möglich sein, sie hier zu ernähren. Ja 20 Jahre bin ich nun geworden in die Welt hinausgegangen und habe schon die Verpflichtung für meine schwer ringende Familie zu sorgen.“ (30.XII.35) Und der Eintrag am Tag danach beginnt: „Ende wieder eines Jahres. Vielleicht eines meiner schwersten bisher.“ (31.12.35)
Er arbeitet als Lastenträger, später besucht er die Polizeischule. Hier werden die Eintragungen ins Tagebuch immer dünner. Es endet mit einem Eintrag am 1. April 1938, welcher zeigt, dass sein Leben nun in geregelten Bahnen verläuft. Er, und wie wir aus anderer Quelle wissen sein älterer Bruder Oskar, der 1936 auswandern konnte, arbeiten inzwischen bei der Hafenbehörde in Haifa. Auch der jüngere Bruder Zvi Givon wohnt jetzt in Haifa, wo er eine Ausbildung in Metallverarbeitung macht. Perez sorgt sich aber immer noch um die Eltern.
Heute wissen wir, dass die Familie 1939 in Haifa vereint werden konnte. Schwester Jenny war erst 15 Jahre alt, als am 9. November 1938 die SA die Wohnung und das Geschäft der Kleinbergers zertrümmerte, den Vater verhaftete und Mutter und Tochter mit Knüppeln grün und blau schlugen. Naftali Kleinberger wurde gesagt, er komme frei unter der Bedingung, dass er emigriere. Da zwei seiner Söhne bei der britischen Polizei arbeiteten, erhielten er und Syma tatsächlich Ausreiseerlaubnis. Später würde er mit Oskar in Haifa ein Möbelgeschäft aufbauen. Judith harrte voller Angst zwei weitere Monate in einem Jugendheim in Köln aus, bevor sie ebenfalls ausreisen konnte.
Bilder (von oben):
Oskar, Perez (Paul) und Zvi Givon (Hermann), Stadtarchiv Bottrop
Syma und Naftali Kleinberger, 1937-1938, Stadtarchiv Bottrop
Markt in Vilkaviškis, in den 1930er Jahren, Raph Salinger, Israel
Paul (Perez) Kleinberger als Polizist mit seinem Bruder Oskar, Stadtarchiv Bottrop

