Wissenschaftliches Arbeiten, oder: Wie das Porträt eines jüdischen Dichters zum Mittel antisemitischer Propaganda wurde

Wissenschaftliches Arbeiten, oder: Wie das Porträt eines jüdischen Dichters zum Mittel antisemitischer Propaganda wurde

von Ayleen Winkler


Wir alle machen mal Fehler, das gilt auch für Wissenschaftler*innen: Da ist vielleicht eine Seitenangabe falsch oder eine Fußnote vergessen worden. Das klingt im ersten Moment vielleicht gar nicht so tragisch, mangelndes quellenkritisches Vorgehen kann aber auch schwerwiegende Folgen haben. Vor allem, wenn es nicht einfach nur ein harmloses Versehen ist, sondern im Zusammenhang von antisemitisch-verschwörungstheoretischen Zerrbildern steht: So führte eine Verwechslung, die in einem seriösen Kontext harmlos wäre und wahrscheinlich schnell korrigiert würde, dazu, dass ein Porträt des jüdischen Mundartdichters Eli Marcus über mehr als ein Jahrzehnt zum Mittel antisemitischer Propaganda wurde.

 

Porträt von Eli Marcus

Eli Marcus, 1905 (Foto gemeinfrei)

Eli Marcus…

Eli Marcus (1854–1935[1]) erlangte Ende des 19. Jahrhunderts in Westfalen Bekanntheit als Verfasser plattdeutscher Gedichte und Theaterstücke.[2] Als Brotjob arbeitete er in der Schuhhandlung seiner Familie, später in einem Antiquitätengeschäft.[3] Seine einst so beliebten Stücke wurden in der NS-Zeit nicht mehr aufgeführt und er geriet vorübergehend in Vergessenheit.[4] Trotzdem liegen uns neben seinen Texten auch einige Fotografien von ihm vor,[5] darunter auch ein Porträt von spätestens 1914. Genau um dieses Porträt geht es, denn seit den 2010er Jahren ist es fälschlicherweise auch als ein Abbild von Marcus Eli Ravage genutzt worden.

 

 

 

Porträt von Marcus Eli Ravage

Marcus Eli Ravage, 1909 (Foto gemeinfrei)

 

…ist nicht Marcus Eli Ravage.

Marcus Eli Ravage (1884–1965[6]), ebenfalls jüdisch, kam ursprünglich aus Rumänien und veröffentlichte nach seiner Emigration in die USA diverse Texte und Bücher.[7] Berühmt war er für seine Autobiografie „An American in the Making“ (1917).[8] Berüchtigt hingegen wurde er für seine satirischen Essays „A Real Case against the Jews“ und „Commissary to the Gentiles“, die im Januar und Februar 1928 im Century Magazine erschienen. Hierin führt er durch gezielte Übertreibung antisemitische Stereotype ad absurdum. Die Nationalsozialist*innen jedoch missbrauchten diese Texte ab Mitte der 1930er für ihre antisemitische Propaganda: Sie rissen einzelne Textpassagen aus ihrem Kontext, um sie in ihre menschenverachtende Ideologie einzubinden. Die ironischen Wendungen wurden falsch wiedergegeben und galten nun als „Geständnis von jüdischer Seite“ im Sinne der antisemitischen Narrative.[9]

 

Darum ist Quellenkritik wichtig.

Auch heute noch werden Passagen aus den Texten von Marcus Eli Ravage in antisemitischen Kreisen auf gleiche Art falsch zitiert, um verschwörungstheoretische Erzählungen zu untermalen. Oftmals werden diese Zitate durch ein Porträt ergänzt – jedoch nicht durch ein Porträt von Marcus Eli Ravage, sondern durch das oben erwähnte Porträt des Münsterländer Mundart Dichters Eli Marcus.

Die Publikation des Porträts ist erstmals 1914 in der Monographie „Geschichte der Westfälischen Dialektliteratur“ von Dr. Hermann Schönhoff nachgewiesen.[10] Mehrmals wurde es in der späteren Forschungsliteratur korrekt nachgedruckt und zitiert, so z.B. im Jahrbuch der Augustin-Wibbelt-Gesellschaft von 1989[11] und im „Westfälischen Autorenlexikon 1850–1900“[12]. Auch den Weg ins Internet fand das Porträt zunächst unter korrekter Zuordnung bei Wikipedia.[13]

Seit den 2010er Jahren jedoch wird das Porträt auf antisemitischen Internetseiten immer wieder fälschlicherweise Marcus Eli Ravage zugeordnet[14] – es liegt nahe, dass die Verwechslung aufgrund der oberflächlichen Namensähnlichkeit entstand. Das Porträt von Eli Marcus wurde 2025 für einige Zeit auch unhinterfragt von Wikipedia im englischsprachigen Eintrag zu Marcus Eli Ravage übernommen.[15] Mittlerweile ist die Zuordnung des Porträts dort korrigiert worden.[16]

Bestehen bleibt jedoch das Problem, dass durch das systematische Fehlen von Quellenkritik in verschwörungstheoretischen Kreisen die Texte von Marcus Eli Ravage immer noch verzerrt wiedergegeben werden und auch das Gesicht von Eli Marcus – der tatsächlich Mitglied im Verein zur Abwehr des Antisemitismus war[17] – für antisemitische Propaganda herhalten muss.

 

Wir danken Herrn Alex Schwinger für den Hinweis auf diese falsche Zuordnung des Porträts und seinen Einsatz zu Aufklärung des Sachverhaltes beizutragen.

(Dezember 2025)

 

 

[1] Kessemeier, Siegfried: Heimat in der Sprache – Zu den jüdischen Mundartautoren Elias Marcus und Carl van der Linde, in: Steinecke, Hartmut/Nölle-Hornkamp, Iris (Hgg.): Jüdisches Kulturerbe in Westfalen. Spurensuche zu jüdischer Kultur in Vergangenheit und Gegenwart. Symposium in der Akademie Franz Hitze Haus Münster, 19. bis 21. Oktober 2007 (=Veröffentlichungen der Literaturkommission für Westfalen 33). Bielefeld 2009, S. 17-32, hier S. 18-19; Art. Marcus, Eli, in: Archiv Bibliographia Judaica (Hg.): Lexikon deutsch-jüdischer Autoren. Band 16. Lewi – Mehr. München 2008, S. 290-295, hier: S. 290; Art. Marcus, Eli, in: Möllenhoff, Gisela/Schlautmann-Overmeyer, Rita: Jüdische Familien in Münster 1918 bis 1945. Teil 1: Biographisches Lexikon. Münster 1995, S. 285-287, hier: 285; Strotdrees, Gisbert: Jüdisches Landleben. Vergessene Welten in Westfalen. Münster 2024, S. 72-73.

[2] Kessemeier, Heimat in der Sprache, 2009, S. 17-32, hier S. 19; Schönhoff, Hermann: Geschichte der Westfälischen Dialektliteratur. Münster 1914, S. 40; Art. Marcus, Eli, in: Lexikon deutsch-jüdischer Autoren, 2008, S. 290; Art. Marcus, Eli, inJüdische Familien in Münster 1995, S. 285-286; Strotdrees, Jüdisches Landleben, 2024, S. 72-73.

[3] Kessemeier, Heimat in der Sprache, 2009, S. 18; Art. Marcus, Eli, in: Lexikon deutsch-jüdischer Autoren, 2008, S. 290; Art. Marcus, Eli, in: Jüdische Familien in Münster 1995, S. 285; Strotdrees, Jüdisches Landleben, 2024, S. 72-73.

[4] Kessemeier, Heimat in der Sprache, 2009, S. 19; vgl. Art. Marcus, Eli, in: Jüdische Familien in Münster, 1995, S. 286; Strotdrees, Jüdisches Landleben, 2024, S. 73.

[5] Vgl. Kessemeier, Siegfried: Heimat in der Sprache. Der jüdische Mundartautor Eli Marcus, in: Nölle-Hornkamp, Iris (Hg.): Heimatkunde. Westfälische Juden und ihre Nachbarn. Essen 2014, S. 138-141.

[6] Mihăilescu, Dana: Struggles between Nationalism and Ethnicity in Eastern Europe and the United States, 1890s-1910s: The Life Writings of M.E. Ravage and Michael Gold, in: Quest. Issues in Contemporary Jewish History, Nr. 20, Dezember 2021, S. 47-85, hier S. 50; Stanciu, Cristina: Marcus E. Ravage’s An American in the Making, Americanization, and New Immigrant Representation, in: MELUS Jg. 40, Nr. 2, 2015, S. 5-29, hier: S. 5.

[7] Mihăilescu, Struggles between Nationalism and Ethnicity, 2021, S. 50-51; Hund, Wulf D./Affeldt, Stefanie: “Racism” Down Under. The Prehistory of a Concept in Australia, in: Australian Studies Journal, 33/34, 2019/2020, S. 9-30, hier S. 23; Stanciu, Marcus E. Ravage’s An American in the Making, 2015, S. 5.

[8] Mihăilescu, Struggles between Nationalism and Ethnicity, 2021, S. 50-51.

[9]Hund/Affeldt, “Racism” Down Under, 2019/2020, S. 23; Mihăilescu, Struggles between Nationalism and Ethnicity, 2021, S. 51; Judge Hadassa Ben-Itto collection 1926-2018, Abschrift. Betr. Marcus Eli Ravage (29.10.1935) (Archival material), The Wiener Library for the Study of the Nazi Era and the Holocaust, Sourasky Central Library, Tel Aviv University; „Ihr habt noch nicht einmal angefangen, die wirkliche Größe unserer Schuld zu begreifen…“ Zitat des Juden Marcus Eli Ravage soll die Schuld der Juden in der Weltgeschichte unterstreichen, in: Die Parole der Woche. Parteiamtliche Wandzeitung der NSDAP. Folge 4 vom 26. Januar 1939 (Digitalisat in der Deutschen Digitalen Bibliothek: https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/item/QMCYPXP2M4AD2HQ642QFVVQO2P7Z4UPH, letzter Zugriff: 10. Dezember 2025); ohne Autor: “Bombshell against Christianity” Articles by Marcus Eli Ravage, a Hebrew. Erfurt ca. 1936. Es handelt sich hierbei um einen unlizenzierten Abdruck von Ravages Artikeln durch die antisemitische Nachrichtenagentur „Welt-Dienst“, dem ein manipulatives Vorwort vorangestellt ist, das die Texte von Marcus Eli Ravage als Faktenbericht, nicht als Satire darstellt und so als antisemitisches Propagandamaterial verwendet. Berichten zufolge beabsichtigte Marcus Eli Ravage 1939, juristisch gegen derartigen antisemitischen Nachdruck seiner Werke – dem er als Autor nicht zugestimmt hatte – vorzugehen: “Legal action to be taken against anti-semitic misusers of writings”, in: The Hour, Nr. 24, 16. Dezember 1939, S. 4-5 (Digitalisat: https://archive.org/details/hour_1939-12-16_24/mode/1up, letzter Zugriff am 10. Dezember 2025); „Old Century Article Once More Misused”, in: The Hour, Nr. 39, 6. April 1940, S. 4 (Digitalisat: https://archive.org/details/hour_1940-04-06_39/page/4/mode/1up, letzter Zugriff am 10. Dezember 2025).

[10] Schönhoff, Hermann: Geschichte der Westfälischen Dialektliteratur. Münster 1914, S. 41. (Digitalisat bei der Humboldt-Universität zu Berlin: https://www.digi-hub.de/viewer/image/BV050517915/57/, letzter Zugriff am 10. Dezember 2025.)

[11] August Wibbelt-Gesellschaft e.V. (Hg.): Jahrbuch 5. Münster 1989, S. 67. (Digitalisat bei der August Wibbelt-Gesellschaft: https://augustinwibbelt.de/wp-content/uploads/2025/10/Augustin-Wibbelt-Gesellschaft.-Jahrbuch-5-1989_Gesamtband.pdf, letzter Zugriff am 10. Dezember 2025.)

[12] Art. Eli Marcus, in: Gödden, Walter/Nölle-Hornkamp, Iris: Westfälisches Autorenlexikon 1850 bis 1900. Band 3, Paderborn 1997, S. 467-471, hier S. 467.

[13] https://de.wikipedia.org/wiki/Eli_Marcus, letzter Zugriff am 10. Dezember 2025.

[14] Die bisher früheste bekannte Zuordnung dieser Art findet sich auf einem rumänischen, antisemitischen Blog von 2013. In einem Artikel werden die Texte von Marcus Eli Ravage genutzt, um antisemitische Verschwörungstheorien zu verbreiten: hxxps://istoriaincomoda.wordpress.com/2013/02/26/confesiunea-unui-evreu-arogant/, letzter Zugriff am 10. Dezember 2025). Ein Beispiel für die weitere Verbreitung dieses Irrtums ist die italienische Seite Centro San Giorgio, eine verschwörungstheoretische Seite, die antisemitische und anti-freimaurerische Narrative verbreitet: hxxps://www.centrosangiorgio.com/occultismo/massoneria/articoli/pagine_articoli/massoneria_e_satanismo.htm, letzter Zugriff am 10. Dezember 2025.

Wir geben diese beiden Internetseiten hier an, um die falsche Zuordnung des Porträts und die verzerrende Darstellung der Texte von Marcus Eli Ravage wissenschaftlich korrekt zu belegen, das Jüdische Museum Westfalen distanziert sich aber ausdrücklich von den Inhalten dieser Seite. Die Links zu diesen Webseiten werden hier bewusst als hxxp:// statt http:// angegeben. Diese Schreibweise verhindert unbeabsichtigtes Anklicken, reduziert Sicherheitsrisiken und ermöglicht zugleich die eindeutige wissenschaftliche Referenzierung. Um die weitere Verbreitung antisemitischer Narrative nicht zu fördern, wird auf die Angabe weiterer Beispiele verzichtet. Wissenschaftlich fundierte Informationen zu den Funktionsweisen von Antisemitismus und Verschwörungstheorien finden Sie beispielsweise in den folgenden drei Publikationen: Stiftung Kloster Dalheim, LWL-Landesmuseum für Klosterkultur (Hg.): Verschwörungstheorien – früher und heute, Lichtenau-Dalheim 2019; Butter, Michael: „Nichts ist, wie es scheint“. Über Verschwörungstheorien, Bonn 2018; Scholz, Michael: Antisemitische Verschwörungstheorien. Eine aktuelle Darstellung von Brunnenvergiftung bis Zinswucher, Aschaffenburg 2024.

[15] Diese Version des Artikels ist bei Wikipedia archiviert worden: https://archive.ph/20250914181612/https:/en.wikipedia.org/w/index.php?title=Marcus_Eli_Ravage&oldid=1308858143, letzter Zugriff am 10. Dezember 2025.

[16] https://en.wikipedia.org/wiki/Marcus_Eli_Ravage, letzter Zugriff am 10. Dezember 2025.

[17] Art. Marcus, Eli, in: Lexikon deutsch-jüdischer Autoren, 2008, S. 291; Art. Marcus, Eli, in: Jüdische Familien in Münster, 1995, S. 285.