12 Apr Rein und Unrein –
Zur jüdischen Reinheitskonzeption und der Asche der „roten“ Kuh

von Franziska Prokopetz, Praktikantin


Rein und Unrein – Zur jüdischen Reinheitskonzeption und der Asche der „roten“ Kuh

„Sage den Israeliten, dass sie dir eine makellose rote Kuh bringen sollen“, so redet der Herr zu Mose im vierten Buch Mose, Kapitel 19. Darin wird von Gott erklärt, wer wann durch welches Verhalten rituell unrein ist und wie er wieder rein werden kann. Rein und unrein, das sind kultische Kategorien. Hier geht es um den Kontakt mit Toten, Gräbern oder tierischem Aas und da kommt die „rote“ Kuh (hebr. Para Aduma) ins Spiel oder vielmehr ihre Asche. Denn „ihr Fell, ihr Fleisch, ihr Blut und den Inhalt ihres Magens soll man verbrennen“ (4. Mose 19,5). Damit aber noch nicht genug: Die Asche – für sich selbst ein Todessymbol – reinigt den durch Totes in Unreinheit geratenen Juden erst in Verbindung mit lebendigem Wasser und Ysop, Karmesin und Zedernholz. Wird der Jude am dritten und am siebten Tag seiner Unreinheit mit dem Wasser der Reinigung, dem Asche-Wasser-Gewürz-Gemisch, besprengt, so ist er am Abend des siebten Tages nach einem Tauchbad wieder rein.

 

Reinheit als Eintrittskarte

Rein und unrein, das sind in der Tora zentrale Ordnungskategorien, wie sich am Beispiel der „roten“ Kuh zeigt. Die Unterscheidung von Beidem ist dabei eng mit dem Gegensatzpaar heilig und profan verknüpft, denn heilig ist Gott und jegliche göttliche Sphäre und nur das Reine ist gottgemäß und damit dem Heiligen entsprechend. Jeder, der unrein ist, kann sich dem Heiligen also nicht nähern und ist damit von allem jüdischen Kult ausgeschlossen. Was es braucht, sind also verschiedene Riten, die reinigen sowie Ge- und Verbote, die den Zustand der Unreinheit schon von Grund auf verhindern.

So gibt es im Judentum beispielsweise eine Reihe an Tieren, die wesensgemäß als unrein eingestuft werden und daher nicht verzehrt werden dürfen. Alle Schuppen- und Flossenlosen Meerestiere aber auch Vögel, wie die aasfressenden Geier, gelten etwa als unreine Tiere. Die Torah kennt jedoch noch weitere Szenarien, bei denen sich ein Jude verunreinigt, so zum Beispiel durch Aussatz, Menstruation und Ejakulation oder bei dem schon erwähnten Umgang mit Totem. Vieles lässt sich im Laufe eines Lebens aber gar nicht vermeiden: Die monatliche Blutung einer Frau bleibt (i. d. R.) nicht aus und das Begraben der Toten ist sogar jüdische Pflicht.

 

Reinigungsrituale

So sind im Judentum viele verschiedene Rituale zur Reinigung vorgesehen. Das Ritual mit der Asche der „roten“ Kuh kann schon seit ungefähr zweitausend Jahren nicht mehr durchgeführt werden. Grund hierfür ist die Zerstörung des Zweiten Tempels 70 n. Chr. und damit der Niedergang des Tempel- und Priesterkults. Auch der Opferkult fand mit der Zerstörung ein Ende, das Studium der Torah und die Synagogen als Bet- und Lehrhäuser traten allmählich in den Vordergrund. Heute sind die verschiedenen rituellen Waschungen Teil des alttäglichen Lebens vieler Juden.

Eine dieser Waschungen ist die rituelle Handwaschung. Schon zur Zeit des zweiten Tempels führten die Priester, die Kohanim, so eine Handwaschung durch, bevor sie dem Volk den Segen erteilten. Von dieser ursprünglichen Handwaschung der Priester zur Zeit des Tempels zeugt heute noch die sogenannte Levitenkanne. Ihre Bezeichnung kommt von den Leviten, die den Priestern die Geräte zur Handwaschung bereitstellten. Heute waschen sich gläubige Juden zum Zwecke der rituellen Reinheit vor und nach jeder Mahlzeit die Hände sowie direkt nach dem Aufstehen, vor dem Beten und nach dem Toilettengang. Aber auch nach dem Reinigen und Schneiden der Fingernägel sollen die Hände gewaschen werden, denn die Nägel gelten als totes und damit unreines Material.

Insbesondere in Zeiten von Covid-19 ist häufiges Händewaschen schon alleine aus hygienischen Gründen für uns alle eine Selbstverständlichkeit. Im Mittelalter beispielsweise, als die Pest in Europa grassierte, war das anders: Die vielen rituellen Waschungen im jüdischen Leben hatten unbestreitbar auch einen hygienischen Nebeneffekt und dieser war im Vergleich zur Bevölkerungsmehrheit sicherlich eine Ausnahme. Das regelmäßige Bad beispielsweise war und ist heute noch, zumindest für die orthodoxen Juden, unverzichtbar. So ist die Tevila, das Eintauchen mit dem ganzen Körper in die Mikwe, etwa für Frauen sieben Tage nach dem Ende ihrer Menstruation verpflichtend, um wieder rituell rein zu werden. Und auch der Mann reinigt sich der Tradition nach mit so einem rituellen Gang in das Tauchbad nach einer Ejakulation. So will es zumindest das Gesetz, nicht jeder Jude folgt dem jedoch strikt – die jüdische Gemeinschaft ist vielfältig.

Eine dritte Art der rituellen Reinigung ist gleichsam auch die letzte für einen Juden. Sie erfolgt nach seinem Leben. Es ist die Totenwaschung, die Tahara. Diese wird traditionellerweise im Leichenhaus von der Chewra Kadischa, der heiligen Beerdigungsbruderschaft durchgeführt. Wie für das rituelle Händewaschen gibt es auch dafür eine eigens dafür vorgesehene Waschschüssel.

 

Die “rote” Kuh und ihr Fortleben

Obwohl der Kult um die „rote“ Kuh und ihre Asche vor langer Zeit aufgegeben wurde, hat er nie an Relevanz verloren und ist demnach heute noch von großer Bedeutung. So beschäftigte sich das rabbinische Judentum, das nach der Zerstörung des Tempels entstand, weiterhin mit der „roten“ Kuh. In der Mischna ist ihr ein ganzes Kapitel gewidmet. Im Laufe der Jahrhunderte ändert sich in der jüdischen Tradition allmählich der Schwerpunkt in der Auseinandersetzung mit der „roten“ Kuh: Es ist der jüdische Philosoph Maimonides (12. Jh.), der den Kult um die „rote“ Kuh endgültig in die Eschatologie verlegt. Er nimmt ausgehend von den Berichten in der Mischna an, dass die zehnte und letzte „rote“ Kuh vom Messias selbst verbrannt wird.

Einige messianische Randgruppen des heutigen orthodoxen Judentums werden demnach sogar selbst aktiv. In den USA und in Israel unternehmen manch kleinere Gruppierungen große Anstrengungen, eine makellose „rote“ Kuh zu züchten – man möchte vorbereitet sein für das Ende der Zeit. Bisher hat sich dabei jedoch kein Erfolg eingestellt, denn die Anforderungen sind hoch: Zum Beispiel darf sie nicht mehr als zwei andersfarbige Haare auf ihrem Fell haben.

 

Abbildungen

Levitenkanne mit einer Abbildung der Priesterhände im Segensgestus und eine Schale aus Silber, um 1900, Deutschland.

Waschschüssel, verziert mit Davidstern am Fuß, Messing.

Wasserspender mit Handgriff als stilisierter Hahn, Zinn, Erste Hälfte des 19. Jahrhunderts, Würzburg.