10 Jun Richard Wagner und das antijüdische Ressentiment

Richard Wagner und das antijüdische Ressentiment

von Vincenzo Velella, freier Mitarbeiter

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zur obenstehenden Abbildung:
„Das Judenthum in der Musik, wie es Richard Wagner gefällt – wenn es nämlich 25 Gulden für einen Fauteuil bezahlt“ – Karikatur in der Zeitschrift Kikeriki, 1872.

Richard Wagners Lebenslauf – stünde er heutzutage beispielsweise in einer Bewerbung – würde gewiss als ‚bunt‘ beurteilt werden. 1813 in Leipzig geboren, verschwägert mit dem Sohn des berühmten Verlegers Friedrich Arnold Brockhaus, übersetzte er unter dem Einfluss seines gelehrten Onkels Adolph mit dreizehn Jahren einige Gesänge aus der Odyssee. Mit sechzehn wohnte er in Leipzig einer Aufführung von Beethovens Oper Fidelio bei und faßte den Entschluß, Musiker zu werden. Während seines Musikstudiums in Leipzig war er beim pflichtschlagenden und couleurtragenden Corps Saxonia aktiv, verließ ihn aber bald wieder, da er ihm politisch zu lax schien.
Seine zweite Leidenschaft nämlich – neben vielerlei Liebschaften, die ihn immer wieder in Schwierigkeiten brachten – waren die modernen republikanischen Bestrebungen, die in jener Zeit verbreitet waren, Ideen des Frühsozialismus, des liberalen Jungen Deutschland und des Vormärz. Weiter machten auf ihn die religionskritische Philosophie Ludwig Feuerbachs und der Anarchismus eines Proudhon oder Michail Bakunin, den er auch persönlich kannte, Eindruck.
Nach ersten Erfolgen mit den damals üblichen Wanderbühnen, deren Zeit zu Ende ging und die mehr und mehr Stadttheatern mit festen Ensembles weichen mussten, erlebte er mehrfach Bankrotte und entzog sich immer wieder durch Flucht seinen Gläubigern. Das Pumpgenie, wie Thomas Mann ihn bezeichnete, lebte stets über seinen Verhältnissen. Ihn seinen Augen war es ‚das bißchen Luxus, das ich leiden mag‘, wohingegen einer seiner größten Wohltäter, der Kaufmann Otto Wesendonck, selbst mit dessen Gattin Wagner eine Affäre einging, über ihn urteilte: ’so viel ist klar: ihm selbst darf kein Geld in die Hand gegeben werden.’ Vor seinen preußischen Gläubigern flüchtete in das livländische Riga, von dort wiederum, in einer abenteuerlichen, vier Monate andauernden Schifffahrt, über Norwegen und London nach Paris. Dabei war seine erste Frau Minna Planer, die die langen Jahre der Armut und Entbehrung mittrug. Die Ehe war nicht leicht. Neben weiteren Affären führte auch Wagners Persönlichkeit selbst zum Scheitern der Ehe. Minna Planer schrieb über ihn an eine Freundin:

‚es klingt fast lächerlich, wenn ich Ihnen sage, daß ich, wie immer, auf der Hetzjagd bin, da ich doch keine kleinen Kinder habe, in Richard aber besitze ich doch wenigstens ein halb Dutzend. Früh muß ich ihn ein- und abreiben, einige Stunden später ein 19 Grad warmes Tuschbad geben, wieder abreiben; dieses will auch vorbereitet sein; dann abends wieder Abwaschung und Einreibung mit Olivenöl…’

Wagner selbst formulierte seine Erwartungen an das Weib später in seiner Schrift Oper und Drama:

‚Die Natur des Weibes ist die Liebe: aber diese Liebe ist die empfangende und in der Empfängnis rückhaltlos sich hingebende. Das Weib erhält volle Individualität erst im Momente der Hingebung.’

Diese Pariser Jahre waren wie keine anderen geprägt von der Freundschaft Wagners zu dem Komponisten Giacomo Meyerbeer, dem damals erfolgreichsten und angesehensten Komponisten des französischen Grand Opéra. Der großzügige und offenherzige Meyerbeer unterstützte Wagner nicht nur finanziell, sondern ließ ihn auch neidlos an seinen Unternehmungen und künstlerischen Netzwerken in Paris teilhaben. Wagner schrieb:

‚Kommt das Genie und wirft uns in andere Bahnen, so folgt ein Begeisterter gern überall
hin, selbst wenn er sich unfähig fühlt, in diesen Bahnen etwas leisten zu können.’

Meyerbeer war der Sohn des jüdischen Zuckerfabrikanten und Bankiers Jacob Herz Beer. Geboren wurde er in der Mark Brandenburg während einer Kutschfahrt, bei der seine Mutter von Frankfurt/Oder nach Berlin unterwegs gewesen war. Dieser jüdische Hintergrund spielte lange Zeit in der Beziehung zwischen Wagner und Meyerbeer keine Rolle. Noch sechs Monate vor der Veröffentlichung des Pamphlets ‚Das Judenthum in der Musik‘ im September 1850 unter dem Pseudonym Karl Freigedank äußerte sich Wagner noch voller Wertschätzung über Meyerbeer. Was war geschehen? Wagner hatte in Paris keinen Erfolg. Zur Behebung seiner ständigen Geldnot war er, neben musikalischen Lohnarbeiten, gezwungen gewesen, 1841 seinen Prosaentwurf zum Fliegenden Holländer, zu dem ihn auch sein gefährliches Seeabenteuer inspiriert hatte, an die Pariser Oper zu verkaufen. Diese vergab den Kompositionsauftrag jedoch an den Hauskomponisten Pierre-Louis Dietsch. Aus Dresden erhielt Wagner die Nachricht, dass man eine seiner Opern, Rienzi, aufführen wolle. Diese Aufführung wurde der Durchbruch für den jungen Künstler, er zog mit seiner Frau dorthin. In den folgenden Jahren, als Kapellmeister an der Dresdener Hofoper, schloss er unter anderem Freundschaft mit Franz Liszt und baute jene zu Bakunin aus. Seine Rolle im Dresdener Maiaufstand (1849) bleibt unklar. Wagner selbst beschrieb sie später so:

Semper auf dem Balkon in einer Rede begriffen; ich, erschrocken unter dem Volk, springe hinauf, um ihn vom Balkon zu reissen – da erblickt man mich und – : Mit gefangen etc.

Dennoch verließ Wagner, inzwischen steckbrieflich gesucht, mit gefälschten Papieren das Land und hielt sich die nächsten neun Jahre in Zürich auf. Dort entstanden seine maßgeblichen kunsttheoretischen Schriften, Die Kunst und die Revolution, Das Kunstwerk der Zukunft, Oper und Drama und Das Judenthum in der Musik. Die Fehde mit Meyerbeer hatte ursprünglich Wagners Freund Theodor Uhlig, Komponist und Kritiker bei der Neuen Zeitschrift für Musik, begonnen. Dieser hatte dabei darin über den ‚hebräischen Kunstgeschmack‘ sinniert, und sich bemüht das unwillkürlich Abstoßende, welches die Persönlichkeit und das Wesen der Juden für uns hat, zu erklären, um diese instinktmäßige Abneigung zu rechtfertigen, von welcher wir doch deutlich erkennen, dass sie stärker und überwiegender ist, als unser bewusster Eifer, uns dieser Abneigung zu entledigen.
Meyerbeers Musikstil sei kosmopolitisch, der Komponist ohnehin vaterlandslos. Wagner kam seinem Freund zu Hilfe. Der Jude an sich sei unfähig, durch seine äußere Erscheinung, seine Sprache, am allerwenigsten aber durch seinen Gesang sich uns künstlerisch kundzugeben. Er sei unfähig, Neues zu schaffen, könne nur nachsprechen oder nachkünsteln. Zur jüdischen Sprache schrieb er:

Es hat der Kultur nicht gelingen wollen, die sonderliche Hartnäckigkeit des jüdischen Naturells in Bezug auf die Eigenthümlichkeiten der semitischen Aussprechweise durch zweitausendjährigen Verkehr mit europäischen Nationen zu durchbrechen. Fremdartig und unangenehm fällt ein zischender, schrillender, sumsender und murksender Lautausdruck der jüdischen Sprechweise auf: eine unserer nationalen Sprache gänzlich uneigenthümliche Verwendung und willkürliche Verdrehung der Worte und der Phrasenkonstruktionen giebt diesem Lautausdrucke vollends noch den Charakter eines unerträglich verwirrten Geplappers, bei dessen Anhörung unsere Aufmerksamkeit unwillkürlich mehr bei diesem widerlichen Wie, als bei dem darin enthaltenen Was der jüdischen Rede verweilt. (…) Macht nun die hier dargethane Eigenschaft seiner Sprechweise den Juden fast unfähig zur künstlerischen Kundgebung seiner Gefühle und Anschauungen durch die Rede, so muß zu solcher Kundgebung durch den Gesang seine Befähigung noch bei weitem weniger möglich sein.

Selbst im eigenen synagogalen Kultus sei diese Unfähigkeit des Ausdrucks zu beobachten, eine Fratze gottesdienstlichen Gesanges, ein Sinn und Geist verwirrendes Gegurgel Gejodel und Geplapper sei allenthalben anzutreffen.
Neben Meyerbeer standen zwei weitere erfolgreiche jüdische Künstler im Brennpunkt der Kritik beider, Felix Mendelssohn-Bartholdy und Jacques Offenbach, in der Schrift nur Jacques O. benannt; unter den deutschblütigen Komponisten sei Friedrich von Flotow am vollständigsten dem Einfluss der jüdischen Kunstschule erlegen.

 

Klassische Feindbilder: Juden und Franzosen

Der Streit erinnert in Inhalt und Form an eine frühere, in der Kunstwelt von Gotthold Ephraim Lessing losgetretene Kontroverse um die Bedeutung Georg Philipp Telemanns, eines Zeitgenossen J.S. Bachs. Das Feindbild war auch damals schon ein klassisches: der Franzose. Bachs Musik habe Tiefe, Bedeutung und Originalität, wohingegen Telemanns Schaffen, nach dem Urteil Johann Friedrich Reichardts moussierende Gefälligkeit unter französischem Einfluss anzulasten sei:

Wenn Telemann aber von den Franzosen lernte, sich zu sehr nach dem Geschmacke der Nation oder der Leute, unter denen man lebte, zu bequemen, so weiß ich auch viel nachtheiliges über die Reise zu sagen. Er bequemte sich wirklich oft nach Leuten vom übelsten Geschmakke, daher man auch unter seinen vortrefflichen Werken so viel mittelmäßige Arbeiten findet, und in diesen die ungeheuren und läppischen Schildereyen.

Ein gegen Ende des 18. Jahrhunderts erschienener anonymer Kupferstich zeigt, der Darstellung der Göttlichen Dreifaltigkeit folgend, im Zentrum des Dreiecks Johann Sebastian Bach. Die drei Seiten des Dreiecks, sozusagen die drei Göttlichen Personen Vater, Sohn und Heiliger Geist, stellen Josef Haydn, Georg Friedrich Händel und der heute vergessene Carl Heinrich Graun dar. Als völlig zweitrangig dagegen rangieren in äußeren Kreisen Telemann und Mozart.

Eine Reminiszenz dieser Kontroverse klingt auch in den Worten Hans Sachs’ zum Schluss der Wagner-Oper „Die Meistersinger“ an:

Habt acht ! Uns dräuen üble Streich’: –
Zerfällt erst deutsches Volk und Reich,
In falscher welscher Majestät
Kein Fürst bald mehr sein Volk versteht;
Und welschen Dunst mit welschem Tand
Sie pflanzen uns in deutsches Land.

Wagners Schrift zum Judentum wurde anfangs kaum beachtet und rezipiert. Mit König Ludwig II. von Bayern als Mäzen von seinen Geldsorgen befreit, veröffentlichte er die Schrift 1869 noch einmal, diesmal unter seinem eigenen Namen. Es folgten zahlreiche Repliken und ein Protestschreiben von elf Professoren des Leipziger Konservatoriums, das den Herausgeber der Zeitschrift zum Rücktritt aufforderte. Gustav Freytag schrieb in einer Rezension:

Im Sinne seiner Broschüre erscheint Wagner selbst als der größte Jude.

Freilich machte die Schrift in deutschnationalen Kreisen Karriere, und wurde während der Zeit des Nationalsozialismus als Urdokument ideologisch wünschenswerter Kunst angesehen. Karl Blessinger, selbst Komponist und Leiter des NS-Dozentenbundes an der Akademie der Tonkunst in München erweiterte und vertiefte in den 1940er Jahren Wagners Ideen in seiner Schrift ‚Judentum und Musik’. Inzwischen hatte sich nämlich der Ruhm eines weiteren überragend begabten jüdischen Komponisten gemehrt: Gustav Mahler.
Wagners Tochter Eva heiratete 1908 den Rassentheoretiker Houston Stewart Chamberlain. Nach dessen Begegnung mit Adolf Hitler im Jahre 1923 ließ er einen Brief an ihn folgen:

Sie sind überhaupt nicht der Fanatiker, als welcher Sie mir beschrieben worden sind. (…) Ein Fanatiker entflammt den Geist, Sie wärmen das Herz. Ein Fanatiker will die Menschen mit Worten überwältigen; Sie wollen nur überzeugen, nur überzeugen, und das ist der Grund, warum Sie so erfolgreich sind.

(Juni 2022)