19 Mai „Lotte Errell – Reisefotografin in den 1930er Jahren“
Die Architektur neuer Lebensentwürfe

von Sebastian Braun, wissenschaftlicher Mitarbeiter


Die Architektur neuer Lebensentwürfe – Das Bauhaus und Lotte Errell

Die Sonderausstellung „Lotte Errell – Reisefotografin in den 1930-er Jahren“ wurde wie vorgesehen im Jüdischen Museum aufgebaut. Aufgrund der Pandemie konnte sie aber noch nicht von vielen Besucher*innen gesehen werden.  Hier daher erstmal einen digitalen Einblick in einige ihrer Arbeiten in den USA.

Imposant wächst der Wolkenkratzer des Handelsministeriums in Chicago gen Himmel. Eine Ikone des Art-Decó und als weltweit größte Getreidebörse ein Symbol eines ökonomisch agilen Landes. Lotte Errell fotografierte das Gebäude während ihrer USA-Reise 1938. Inspiriert von neuen Erfahrungen, entstanden Motive der amerikanischen Kultur, die geradezu triumphierend und euphorisch, teilweise sogar etwas dominant wirken.

Die Suche nach neuen Anreizen und ihre journalistische Leidenschaft führten Lotte Errell 1938 in die USA. Nach zahlreichen Konflikten mit ihrem Mann in Bezug auf ihre berufliche Entfaltung, entzündete Errells USA-Aufenthalt wieder den beruflichen Ehrgeiz. Drei Monate hielt sich die Fotografin damals in New York und Chicago auf und ließ sich vom Zeitgeist des Bauhaus inspirieren.

Als in Deutschland der nationalsozialistische Größenwahn um sich griff und das Bauhaus für tot erklärte, fand die Architektur- und Designschule ab 1938 mit ihren Mitbegründern Mies van der Rohe (1886-1969) und Walter Gropius (1883-1969) in den USA eine neue Wirkungsstätte.

Während dieser Zeit fotografierte Lotte Errell unter anderem am New Bauhaus von Mies van der Rohe in Chicago. In den kreativen Design-Werkstätten, dort wo Künstler*innen, Formgestalter*innen und Architekt*innen zusammenarbeiteten, griff Lotte Errell zur Kamera. Was sie hier fotografisch dokumentierte, war mehr als bloße Objektfotografie – Es waren Momentaufnahmen innovativer, demokratischer Lebens- und Wohnentwürfe.

Die kreativen Experimente zu Form und Funktion wurden für Lotte Errell zum Auslöser einer selbstreflexiven Auseinandersetzung, die sich auf ihre eigene Arbeit auswirkte: In Analogie zum Bauhaus experimentierte sie selbst in mehreren Aufnahmen anhand einzelner Objekte mit Licht, Formen und Strukturen.

Gebäude und Designobjekte setzte sie dabei nach gestalterischen Prinzipien des Bauhaus in Szene: Errells Perspektiven auf Gebäude und ihr Fokus auf Designentwürfe symbolisieren dabei Fortschritt und Innovationskraft und zeugen von der Aufbruchsstimmung jener Zeit. So entstanden eindrucksvolle Bildfolgen zum amerikanischen Bauen und Leben – Faszinierende Bilder, die die Inspirationskraft und den Zeitgeist des Bauhaus auf Film bannten.

Der USA-Zyklus der Fotografin scheint dabei zum Ausdruck persönlicher Hoffnungen geworden zu sein, zog die Fotografin doch zu diesem Zeitpunkt die Immigration in die USA in Erwägung. Letztlich hinderten die familiäre und finanzielle Situation, die Umstände Krieges und die komplexe Einwanderungsbürokratie mit langen Wartezeiten für Einwanderungsvisa die Auswanderung.

Gleichwohl nahm die USA-Reise einen unersetzbaren Stellenwert in Errells Schaffen ein, eröffnete sie ihr doch einen neuen Erfahrungshorizont von dem sie in den folgenden Jahren auf weiteren Reisen profitieren sollte.

 

Bilder:

Lotte Errell, Getreidebörse in Chicago, Museum Folkwang, Essen

Lotte Errell, Aus der Reihe New Bauhaus, Museum Folkwang, Essen