11 Mai „Lotte Errell – Reisefotografin in den 1930er Jahren“
Aktuelle Ausstellung im Jüdischen Museum Westfalen

von Thomas Ridder, Kurator


„Lotte Errell – Reisefotografin in den 1930er Jahren“ – Aktuelle Ausstellung im Jüdischen Museum Westfalen

Nach längerer Vorbereitung und coronabedingter Verschiebung haben wir die Ausstellung „Lotte Errell – Reisefotografin in den 1930-er Jahren“ wie vorgesehen aufgebaut. Eine Eröffnungsveranstaltung konnte leider nicht stattfinden. Deshalb möchte ich an dieser Stellen einen Einblick in die Ausstellung geben.

Bei der Suche nach unbekannten, aber interessanten Personen aus Westfalen stießen wir auf Lotte Rosenberg, geboren und aufgewachsen in Münster. Als Journalistin und Reisefotografin erreichte sie in 1930er Jahren mit ihren Reiseberichten und Fotos einen hohen publizistischen Erfolg.

Anfang der 1920er Jahre hatte sich das Medium Fotografie bereits in vielen Bereichen etabliert, so etwa im Journalismus und in der Reisefotografie. Die Kameras waren kleiner und somit handlicher geworden. Ab 1925 fand auch die Kleinbildfotografie Eingang in die Profifotografie. Neben Männern waren es nun auch Frauen, die in der Fotografie, vor allem in der Illustriertenfotografie, neue Arbeitsfelder entdeckten und meist als Autodidaktinnen besetzen konnten. Als Fotografinnen hatten sie die Möglichkeit ihr Reisen, Schreiben und Fotografieren zum Beruf zu machen und damit finanzielle Unabhängigkeit zu erreichen. Zu den Frauen, die in den 1920-er Jahren in dieses Berufsfeld einstiegen, gehörte auch Lotte Errell.

Die Ausstellung stellt Lotte Errell als Reisefotografin vor. Im Mittelpunkt stehen ihre wichtigsten Reisen. Angefangen mit ihrer ersten Reise 1929 nach Afrika, ihre mehrmonatige Reise durch China und ihre Fotoexkursionen im Iran, in Irak und in Kurdistan. Sie blieb dann in Irak, weil ihr das nationalsozialistische Deutschland ein Arbeitsverbot erteilt hatte.

Lotte Errells erste Fotoreise führte sie an die Westküste Afrikas, ins heutige Ghana. Sie war Teil einer Filmexpedition und berichtete ausführlich vom facettenreichen Alltags-und Arbeitsleben der indigenen Bevölkerung. Ihre Erlebnisse schilderte sie in einer leicht verständlichen Alltagssprache auf eine sachliche und realitätsbezogene Art. Sie scheute sich nicht, Themen wie Arbeitslosigkeit, Missernten, Armut, Ritualmorde oder Probleme mit den Kolonialherren anzusprechen. In ihren Fotos legte sie den Fokus vor allem auf Frauen und Kinder. Sie bevorzugte Nahaufnahmen, die ihre Objekte möglichst dicht heranholen. Der afrikanischen Kultur begegnete sie nicht mit dem überlegenen Blick des missionarischen Abendländers. Selbstbewusst, aber ohne Arroganz registrierte sie die Differenzen.

Anfang der 1930er Jahre reiste sie für mehrere Monate durch China, als Fotografin, aber auch als Journalistin. Lotte Errell erstellte einen Querschnitt durch alle sozialen Schichten des Landes und scheute sich nicht davor, soziale Brennpunkte zu thematisieren. Dabei blendete sie allerdings allzu politische Themen aus. In ihren Texten und Aufnahmen stellte sie den Menschen in den Mittelpunkt. Daneben widmete sie eine Reihe von Fotos den Bereichen Theater und Buddhismus. Obwohl sie im Kern ihrer Arbeit unpolitisch bleiben möchte, machte sie auf die Tradition des Fußbindens aufmerksam, indem sie stark deformierte Frauenfüße zeigte. Bei alldem versuchte sie, eine kritische Distanz einzuhalten.

Durch ihre ersten Reisen etablierte sich Lotte Errell zu einer international anerkannten Fotojournalistin. Auf diese Weise bekam sie Kontakt zu Associated Press und damit Aufträge für weitere Reisen. Eine davon führte sie 1934 nach England und Irland. In Irland befasste sie sich vorwiegend mit den dortigen Traditionen und der Volkskultur. In England entstand die Fotoserie „Früheres deutsches Schiff als Englands Schulschiff“, die den Tagesablauf einer Ausbildungssituation nachzeichnet: Training, Mahlzeiten sowie Freizeit-und Schlafgewohnheiten. Diese Bilder betonen durch ihre Anordnung den Aspekt der Disziplin.

Im Jahr 1933 entstand eine Fotoserie über eine ungewöhnliche Siedlung in Düsseldorf. Auf dem Heinefeld in Düsseldorf, einem ehemaligen Militärgelände aus der Zeit der französischen Besatzung zwischen 1921 und 1925, entwickelte sich in den späten 1920er Jahren eine illegale Siedlung in wilder, unkoordinierter Bebauung und ohne Infrastruktur. Dort lebten Arbeitslose, Menschen mit sehr niedrigem Verdienst und Sinti. Mit dem Anstieg der Arbeitslosigkeit wuchs auch die Siedlung. Was Lotte Errell bewogen hat, über diese ungewöhnliche Siedlung eine Fotoreportage zu machen, ist leider nicht überliefert. War es persönliches Interesse oder handelte sie im Auftrag des Ullstein-Verlags, für den sie schon einige Reportagen erstellt hatte? In dessen Bildarchiv befinden sich noch heute 31 Fotos von ihr zum Heinefeld.

Die Ausstellung zur Reisefotografin Lotte Errell besteht aus zwei Teilen. Der erste Teil zeigt Dokumente und zeitgenössische Fotoabzüge aus dem Besitz von Lotte Errell. Zum einen sind es Fotos, die Lotte Errell in ihrem privaten Umfeld, aber auch bei der Arbeit zeigen. Zum anderen werden Fotos gezeigt, die sie auf ihren Reisen in China, im Iran und Irak, in Großbritannien und den USA gemacht hat. Zu den Dokumenten gehören u.a. Geburts- und Heiratsurkunden, Briefe einiger Kollegen und ein Schreiben vom Reichsverband der Deutschen Presse aus dem Jahr 1934, mit dem ihr das Arbeitsverbot für Deutschland mitgeteilt wird. Hinzu kommen noch einige Zeitschriften und Unterhaltungsmagazine aus den frühen 1930er Jahren, in denen Reiseberichte und Fotos von Lotte Errell abgedruckt sind.

Der zweite Teil der Ausstellung zeigt 18 Fotos von ihrer Reise nach Afrika, und 13 Fotos vom Düsseldorfer Heinefeld. Die ausgestellten Fotos bzw. die Vergrößerungen, überwiegend Abzüge im DIN A3-Format, wurden für diese Ausstellung nach digitalen Vorlagen angefertigt.

Die ausgestellten zeitgenössischen Fotos und Dokumente gehören zum Nachlass von Lotte Errell, der dem Museum Folkwang in Essen gehört. Sie wurden uns freundlicherweise als Leihgaben zur Verfügung gestellt. Die Ausstellung wurde von mir selbst kuratiert.

 

Bilder:

Lotte Errell bei Aufnahmen in Kurdistan, 1935, Museum Folkwang, Essen

Ewe-Frau klatscht der Rhythmus zum Tanz der Männer, Museum Folkwang, Essen

Berliner Illustrirte Zeitung, 42. Jg. Nr. 11, 19. März 1933, S. 372