19 Jan Geschichte der Dinge – Kriegsbeutekunst

von Anja Mausbach, Pädagogische Mitarbeiterin


Seit Mitte Dezember 2020 wartet die Wanderausstellung des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe zur Provenienzforschung in nordrhein-westfälischen Museen („Die Geschichte der Dinge“) im Jüdischen Museum Westfalen aufgrund von Corona vergeblich auf Besucher*innen. An dieser Stelle geben Mitarbeiter*innen des Jüdischen Museums in sechs Blogposts einen Einblick in verschiedene Aspekte dieses breiten Themas.

 

Der Geschichte 4. Teil: Kriegesbeutekunst

Kriegsbedingte Beutekunst ist kein Phänomen der Neuzeit, sondern war in der Geschichte der Menschheit oft ein wichtiger Grund überhaupt in den Krieg zu ziehen. Jahrhundertelang bestanden Armeen und Heere aus Söldnertruppen, die sich von Beutezügen einen wirtschaftlichen Vorteil versprachen. Erst mit Reglementierungen in der frühen Neuzeit wurden kriegsbedingte Raubzüge, zumindest auf eigenem Territorium, verboten. Spektakuläre Beutezüge der frühen Neuzeit waren zum einen die Plünderung von Prag durch die Schweden im Jahr 1648, die mind. 700 Kunstwerke betraf. Noch heute befinden sich viele dieser Werke in schwedischem Besitz und sind dort in Museen ausgestellt.  Zum anderen ging Napoleon auf kriegsbedingte Beutezüge. Er legitimierte die Aneignung europäischer Kunstwerke aus Privatbesitz mit dem Bezug auf die Tradition der Römer, die vor allem im antiken Griechenland Kulturgüter gestohlen hatten. Er machte den Anspruch geltend, Paris als Zentrum der europäischen Kunst zu etablieren und die Werke für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Direkt nach seiner Verbannung im Jahr 1814 bemühten sich die betroffenen Länder um die Rückgabe der Güter.

Es wurde nicht nur im großen Stil geraubt, wie eben beschrieben, sondern auch einzelne, individuelle Objekte gelangten während Kriegen in fremde Hände. Das städtische Hellweg-Museum in Geseke erzählt in der Wanderausstellung von drei Objekten aus Nordfrankreich, die (noch) Teil der Sammlung sind.

Zwei Ketten aus Glasperlen, eine davon mit einem Bernstein dekoriert, zieren neben einem Beil aus dem Neolithikum die Sammlung des Stadtmuseums Geseke. Stilistisch sind die Ketten der merowingischen Kunst zuzuordnen und werden auf ca. 400-700 n.u.Z. datiert. Hinsichtlich ihrer nordfranzösischen Herkunft scheinen die Ketten nicht in die sonst regionale archäologische Sammlung des Geseker Stadtmuseums zu passen. Beide Schmuckstücke sind mit den Inventarnummern „B3“ und „B4“ versehen, weshalb davon auszugehen ist, dass sie sich vormals in einer anderen Sammlung befunden haben. Ebenso verhält es sich mit dem Beil, das über die Inventarnummer „A4“ hinaus den Schriftzug „St. Quentin“ enthält. Dabei handelt es sich sehr wahrscheinlich um eine Stadt in Nordfrankreich. Was diese Gegenstände mit kriegsbedingter Raubkunst zu tun haben, erschließt sich über deren mündliche Überlieferungsgeschichte. Ein Soldat soll die Sammlung aus Nordfrankreich mitgebracht haben.

An der Stelle setzt die Provenienzforschung an. Man fand heraus, dass sich in St. Quentin ein Museum befindet, dass über Exponate aus der Merowingerzeit verfügt. Decken sich die Inventarnummern auf den Objekten aus Geseke mit denen aus der ursprünglichen Sammlung in St. Quentin, wäre ein großer Teil des Rätsels gelöst und die Gegenstände könnten gegebenenfalls restituiert werden. Allerdings wartet man noch auf Antwort des ansässigen Museums in Frankreich.

Vor dem Hintergrund der historischen Ereignisse um die Gegend von St. Quentin liegt die Vermutung nahe, dass der Soldat sich die Objekte während des Ersten Weltkrieges aneignete. Ob er dies legal oder illegal tat, kann derzeit (noch) nicht festgestellt werden. In der Schlacht bei St. Quentin 1914 wurde der deutsche Vormarsch mit Hilfe der Alliierten zum Stehen gebracht. Die historischen Fakten decken sich folglich mit dieser Überlieferung und legen den Schluss nahe, dass es sich hierbei um so genannte Beutekunst handelt.

Die Mitarbeitenden des Städtischen Hellweg-Museums entschieden sich dazu, die drei Gegenstände zunächst im Depot und nicht mehr in der Ausstellung unterzubringen.