01 Feb Geschichte der Dinge – Judaica

von Thomas Ridder, Kurator


Seit Mitte Dezember 2020 wartet die Wanderausstellung des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe zur Provenienzforschung in nordrhein-westfälischen Museen („Die Geschichte der Dinge“) im Jüdischen Museum Westfalen aufgrund von Corona vergeblich auf Besucher*innen. An dieser Stelle geben Mitarbeiter*innen des Jüdischen Museums in sechs Blogposts einen Einblick in verschiedene Aspekte dieses breiten Themas.

 

Der Geschichte 6. und letzter Teil: Judaica

Judaica, jüdischen Ritualgegenständen, ist in der Ausstellung ein eigenes Kapitel gewidmet. Eines der Beschneidungsbücher des Meyer Spiegel aus Hovestadt, aus der Sammlung des Jüdischen Museums Westfalen, ist Beispiel einer gelungenen Restitution.

Im Judentum werden die männlichen Nachkommen am achten Tag nach ihrer Geburt von einem Fachmann, einem Mohel, beschnitten. Dieser notierte zu jedem seiner Termine die Namen des Jungen, des Vaters und meist des eines Paten mit Ort und Datum in einem Buch. Da viele Mohelim ihre Tätigkeit über Jahrzehnte ausübten und dabei nicht nur lokal, sondern regional praktizierten, enthalten diese Bücher zahlreiche Einträge. Diese erweisen sich für genealogische Forschungen als ausgesprochen wertvoll. Allerdings sind sie nicht für jeden zu lesen. Die Beschneider schrieben mit hebräischen Buchstaben in einer Mischung aus hebräisch, jiddisch und teilweise in deutsch.

Das Jüdische Museum Westfalen besitzt zwei Beschneidungsbücher von Meyer Spiegel. Ein Exemplar, gedruckt 1814 in Wien, enthält 194 Eintragungen von Beschneidungen, die zwischen 1835 und 1865 durchgeführt wurden. Dieses Buch ist insgesamt gut erhalten, zeigt aber im Einband Alters- und Abnutzungserscheinungen, die wahrscheinlich auf den zahlreichen Reisen entstanden sind, auf die es sein Besitzer während seiner Brit-Milah-Zeremonien mitgenommen hat.

Das in der LWL-Ausstellung „Die Geschichte des Dinge“ gezeigte zweite Exemplar enthält keine Einträge. Die Goldprägung auf dem roten Ledereinband weist Meyer Spiegel aus Hovestadt als Besitzer aus. Möglicherweise handelt es sich um ein Geschenk oder ein Ersatzexemplar.

Meyer Spiegel wurde 1805 als letztes Kind von Feidel Heinemann und Sarah Jette David in Hovestadt, einem kleinen Dorf bei Soest, geboren. Später änderte die Familie ihren Namen in Spiegel. Meyer arbeitete als Metzger, Gerber und Mohel. Nach dem Tod seiner ersten Ehefrau und des Sohnes heiratete er Blondchen Spiegelberg aus Salzkotten. Das Paar hatte drei Söhne und drei Töchter.

Als Mohel betreute Meyer 43 Orte in der Nähe von Hovestadt. Er beschnitt nicht nur die Söhne von fremden Familien, sondern auch mindestens 20 Jungen aus der eigenen Verwandtschaft.

1873 zog Meyer Spiegel mit einem Teil seiner Familie nach Gelsenkirchen. Dort lebte bereits sein Sohn Theodor. Meyer starb 1875 im Alter von 70 Jahren. Heute leben die Nachfahren der Familie Spiegel/Spiegelberg in den Niederlanden, den USA, in Südafrika, Neuseeland, Kanada, Australien und Großbritannien.

 

Die Restitution der Beschneidungsbücher

Die Beschneidungsbücher wurden 2019 zum Gegenstand einer Restitution. Die Bücher befinden sich seit der Eröffnung des Museums im Exponatebestand. Leihgeberin war Margot Bücher.

Im Sommer 2018 erhielt das Museum einen Anruf von Vincent Garay-Spiegel, der im Rahmen seiner Familienforschung herausgefunden hatte, dass es in Dorsten zwei Beschneidungsbücher aus dem Besitz seiner Vorfahren gab. In der Folgezeit kam es zu mehreren Besuchen im Museum. Auch wurden nach und nach die Eintragungen untersucht. Unter der Nummer 65 hat Meyer Spiegel die Beschneidung seines Sohnes David eingetragen, am 6. Dezember 1845 (Eintrag siehe Bild links). Mit bürgerlichem Namen hieß sein Sohn Theodor und ist der Urgroßvater von Vincent Garay-Spiegel.

Wie kamen die Bücher in den Besitz von Margot Bücher? Ihre Familie war wie die Familie Spiegel in Gelsenkirchen ansässig. Dort hatte Elfriede Prüfke, die Mutter von Margot Bücher, die Bücher im sogenannten „Judenhaus“ in der Auguststraße 7 gefunden und aufbewahrt, nachdem deren Bewohner deportiert und später ermordet wurden. Da es in der Familie Prüfke einige christliche Ehepartner gab, wurden die jüdischen Partner noch lange von der Deportation ausgenommen. Dadurch konnten viele Dokumente gerettet werden, nicht nur die der Familie Spiegel.

Die Recherchen und Gespräche mit Vincent Garay-Spiegel führten zu einer Klärung der Besitzverhältnisse. Der rechtmäßige Eigentümer war die Familie Spiegel. Das Museum informierte sie über die bevorstehende Rückgabe der Dokumente. Da die Bücher von großer Bedeutung für die jüdische Geschichte Westfalens sind, fragte das Museum an, ob sie weiterhin als Leihgaben ausgestellt werden dürften. Zur großen Freude des Museums entschied sich die Familie, die Dokumente dem Museum zu schenken. So sind sie langfristig für die Öffentlichkeit gesichert.