17 Sep Leben im Provisorium und Freude an der Tora

Leben im Provisorium und Freude an der Tora

von Walter Schiffer


Neben Pessach (Passah) und Schawuot (Wochenfest) gehört Sukkot (Laubhüttenfest) zu den Schalosch Regalim (drei Wallfahrt- bzw. Wanderfesten), an denen man in der Antike zum Tempel in Jerusalem hinaufzog. Ursprünglich ein Erntefest, wandelte sich Sukkot zu einem Erinnerungsfest an die Zeit des Auszugs aus Ägypten und der Wüstenwanderung. Deshalb bauen zu Sukkot bis heute religiöse Jüdinnen und Juden eine Hütte, in der man sich für die Dauer von acht Tagen in der Freizeit, während der Mahlzeiten und mancherorts auch zum Schlafen aufhält. Sie steht im Freien oder auf dem Balkon, manchmal wurde auch der Dachboden eines Hauses so konstruiert, dass der Raum als Sukka gelten konnte. Wegen seines historischen Ursprungs wird die Sukka mit Früchten geschmückt. Gemeinsam ist jeder Bauart, dass der provisorische Charakter (man gedenkt ja der Wüstenwanderung) erkennbar ist, das Dach nicht vollständig gedeckt ist, so dass z.B. bei Nacht die Sterne zu sehen sind. Zahlreiche Bräuche sind mit dieser Festwoche verbunden, die je nach religiöser Ausrichtung und Region variieren können. So wird z.B. der Lulaw aus ‚vier Arten‘ zum Strauß gebunden, der symbolisch für die gesamte Pflanzenwelt steht: Der Feststrauß besteht aus dem Etrog (Zitrusfrucht), Myrten- und Bachweidenzweigen und einem Palmwedel. Beim Hallelgebet (Ps 113-118) schüttelt man den Lulaw und weist mit ihm in alle Himmelsrichtungen, zum Himmel und zur Erde.

Schemini Azaret (achter Tag des Schlussfestes) bildet das Ende des Laubhüttenfestes, manche feiern den Tag auch als eigenständiges Fest.

Simchat Tora (Torafreudenfest) fällt mit dem Schlussfest zusammen oder wird als eigener Festtag gefeiert. Im Laufe eines Jahres wird bekanntlich die Tora (Fünf Bücher Mose) in 54 Abschnitten im Synagogengottesdienst gelesen. Das Ende eines Lesezyklus bedeutet aber keinen Abschluss der Lesung der heiligen Tora, soll doch das Hören und das Studium der Tora nie zu einem Ende kommen. Deshalb beginnt man gleich nach den letzten Worten des fünften Buches Mose („in Ansehung aller mächtigen und fürchterlichen Taten, die Mosche getan hat vor den Augen ganz Israels.“) wieder beim ersten Vers des ersten Buches: „Im Anfang erschuf Gott die Himmel und die Erde.“ Mit großer Freude im Herzen soll man diese Lesung begehen (wie immer beim Umgang mit den heiligen Schriften), betonen doch die Weisen, sich genau die Wort- und Buchstabenfolge anzusehen: Die Lesung endet mit ‚Jissrael‘, mit dem ‚L‘, und beginnt wieder mit ‚Bereschit‘ (Im Anfang), mit dem ‚B‘. Fügt man beide Buchstaben zusammen, erhält man das hebräische Wort für ‚Herz‘. Die Worte der Tora sollen unaufhörlich beherzigt werden!

In der Synagoge werden zu Simchat Tora alle Torarollen aus dem Schrank gehoben und unter Gesang und Tanz um die Bima, einer Erhöhung mit Tisch zur Vorlesung der Tora, getragen. Kinder schwenken dazu kleine Fahnen oder tragen kleine Torarollen und bekommen Süßigkeiten geschenkt. Die Tora wird im Überschwang gefeiert.

Es fällt auf, dass einige Aspekte der Feier einer Hochzeit ähneln: Das siebenmalige Umkreisen der Bima mit den Torarollen – die Frau umschreitet sieben Mal ihren Mann, der Tanz mit der Tora – das Tanzen bei der Hochzeitsfeier, mancherorts wird die Tora bei den Umzügen unter einem Baldachin getragen – die Zeremonie der Hochzeit findet unter der Chuppa (Traubaldachin) statt und diejenigen, die das Ende bzw. den neuen Anfang der Tora lesen, werden Chatan Tora und Chatan Bereschit genannt: Bräutigam der Tora und Bräutigam des ‚Im Anfang‘. Auf diese Weise wird die innige Verbindung des Volkes Israel mit Gottes Tora zelebriert.

 

Quellen:
I. M. Lau (1990): Wie Juden Leben. Glaube – Alltag – Feste
A. Nachama u.a. (2015): Basiswissen Judetum

Fotos:
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Simhat_Torah_procession_(4991116675).jpg
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Simhat_Torah_flag_(4991116595).jpg