19 Nov Nach über 75 Jahren: Rückerstattung von Kulturgut an jüdische Gemeinden

von Sebastian Braun, Wissenschaftlicher Mitarbeiter


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Spannende Entdeckung in unserer Sammlung: In den Beständen des Jüdischen Museums Westfalen befinden sich drei historisch wertvolle Ausgaben der Populär-wissenschaftliche(n) Monatsblätter. Zur Belehrung über das Judentum für Gebildete aller Konfessionen. Dabei handelt es sich um eine kulturhistorische Zeitschrift des Mendelsohn-Vereins aus Frankfurt am Main, die der jüdische Theologe Adolf Brüll (1846-1908) Ende des 19. Jahrhunderts herausgab. Die Exemplare tragen ein auffälliges Identifikationszeichen in ihren Einbänden: Ein Exlibris mit Davidstern. Es war das Motiv der Jewish Cultural Reconstruction, einer jüdischen Organisation, die nach dem Zweiten Weltkrieg jüdisches Kulturgut treuhänderisch verwaltete und außerhalb Europas neu verteilte.

Anhand von Besitzerstempeln konnten die historisch wertvollen Dokumente ihren ursprünglichen Eigentümerinnen zugeordnet werden. In der ältesten Ausgabe aus dem Jahr 1887 findet sich ein Besitzerstempel der „Cosman Werner Bibliothek“ der israelitischen Kultusgemeinde München. Die Bibliothek war benannt nach ihrem Stifter, dem Gemeinderabbiner Dr. Cosman Werner (1854-1918), der von 1894 bis 1918 Rabbiner in München war und seine Bibliothek 1906 der Kultusgemeinde stiftete. Sie umfasste nahezu 2.500 Bücher und über 10.000 Broschüren.

Stempel der Cosman Werner Bibliothek der Israel. Kultusgemeinde München

 

Die Ausgabe der Monatsblätter aus dem Jahr 1891 konnte der jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main zugeordnet werden; ein weiteres Exemplar aus dem Jahre 1905 stammt aus der Gemeindebibliothek der Berliner jüdischen Vorkriegsgemeinde. Es liegt nahe, dass diese historisch wertvollen Ausgaben bei den Plünderungen der Gemeindebibliotheken durch nationalsozialistische Behörden zwischen 1933 und 1945 beschlagnahmt wurden. Viele Bücher fanden nach dem Krieg nicht ihren Weg zurück zu ihren ursprünglichen Besitzer*innen. Obgleich die Jewish Cultural Reconstruction das Ziel verfolgte, jüdisches Kulturgut aus Deutschland und Europa heraus zu führen, ist davon auszugehen, dass ein nicht unerheblicher Teil von Judaica aus Raubgutbeständen nach 1945 in den Antiquariatshandel gelangte und lange Zeit in Privatsammlungen ein „Dornröschendasein“ führte.

 

 

 

Ausgabe der Populär-wissenschaftliche(n) Monatsblätter aus dem Jahr 1891, die aus der Bibliothek der jüdischen Vorkriegsgemeinde Frankfurt am Main stammt.

 

 

 

Das Exlibris der Jewish Cultural Reconstruction eröffnet spannende Perspektiven auf die Wiederherstellung und Neuverortung jüdischer Kulturtradition nach 1945. Nach dem Krieg stellte sich die Frage, wo das erblose Kulturgut, das in den Wirren der Kriegsjahre europaweit geraubt und verstreut worden war, gemeldet, zentralisiert und vor allem wem die Besitznachfolge zugesprochen werden sollte. Insgesamt entzogen nationalsozialistische Organisationen nahezu 3,5 Millionen Bücher aus mehr als 430 Bibliotheken.

Die Jewish Cultural Reconstruction nahm daher im April 1947 unter der Leitung von Hannah Arendt (1906-1975) als führende jüdische Interessenvertretung ihre Arbeit für kulturelle Rückerstattung auf. Sie restituierte und verteilte bis 1952 treuhänderisch viele hunderttausend Bücher, Torarollen und Zeremonialobjekte an Bibliotheken und Museen außerhalb Deutschlands. Viele Kulturgüter gingen nach Jerusalem und an jüdische Institutionen weltweit. Die Bücher aus der Sammlung des Jüdischen Museums Westfalen wurden in dieser Zeit anscheinend nicht an die jüdischen Gemeinden restituiert und gelangten in den Antiquariatshandel.

Im Rahmen seiner Provenienzforschung übernimmt das Jüdische Museum Westfalen im Sinne „fairer und gerechter Lösungen“ ein Stück moralische Verantwortung und wird die Bücher an die jüdischen Gemeinden Berlin, Frankfurt und München zurückgeben. Die Gemeinden begrüßen die symbolische Geste; auch wir freuen uns mit der Rückerstattung den Gemeinden nach über 75 Jahren wenigstens ein kleines Stück Gerechtigkeit zuteil werden zu lassen.